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„Die Kieferninseln” – Lyrik in Romanform

Marion Poschmann ist derzeit Gastprofessorin an der FU. „Die Kieferninseln” erschien 2017 und ist der Roman einer Lyrikerin, findet Jonas Ambs.

Bildmontage / Buchumschlag: Suhrkamp Verlag; Illustration Joshua Liebig

Es beginnt mit dem Schlaf eines eigenbrötlerischen Geisteswissenschaftlers. Gilbert Silvester träumt von seiner Frau. Sie ist nicht allein, hat einen Liebhaber. Ein Betrugsfall, ein Vertrauensverlust. Was Traum ist, wird ihm zweifelsfreie Wahrheit. Ohne nachzudenken, lässt er alles hinter sich und fliegt nach Japan, seinem Sehnsuchtsort. Es treibt ihn in die Bucht der Kieferninseln, in der im 17. Jahrhundert sein verehrter Dichter Basho tätig war. Was er sich davon verspricht, wird sich ergeben. Vielleicht einen neuen Sinn, für das, was da so fern hinter ihm liegt, sein Leben. In diesem anspruchsvollen Projekt wird er gestört vom jungen Yosa, der ihn an die schlimmste Sorte seiner Studierenden erinnert. Silvester fühlt sich verantwortlich für diesen gescheiterten Geist, der zu bescheiden ist für Selbstmitleid und doch suizidal – wiederum nur mit gekaufter Selbstmordanleitung. Entsprechend skurril entfaltet sich eine Suche zwischen idealem Freitod und persönlicher Erleuchtung.

Roman als Gedicht

Ein solcher Umriss erfasst noch nicht, was Poschmanns Schreiben ausmacht. Bildhafte, präzise und unverbrauchte Sprache verwandeln den Roman in ein ausbrechendes Gedicht. Wenn die abstruse Wortwahl teils aus der Erzählung fällt, überwiegt doch das herausragende Gespür der Autorin. Poschmanns Metaphorik bedient den besonders wunderlichen Geschmack.

„[…] er reiste, so schien es ihm, wie eine just ausgestülpte, glänzende Puddingfigur, die langsam erkaltete […].“

In ausgedehnten Naturbeobachtungen treten die Protagonisten zeitweise in den Hintergrund. Doch Silvester und Yosa scheinen auch hier immer wieder durch: Die Bilder, die Farben, die frei schwebende Kontemplation erzählen, was sie sind, was geschieht und wohin es gehen soll. Noch weiter abhebende Einschübe erinnern an kulturphilosophische oder ästhetische Essaykunst. Die Kiefern werden zur Projektionsfläche: Als sonderbare Wesen sind sie Mystik, spannen göttliche Brücken in den Himmel und werfen metaphysische Fragen auf.

„Sie standen lichtnadelig und kompakt, und er tauchte ein in ihren Schatten, in ihr Zikadengrün, ihr Meergrün, ihr Fahrtwindschwarz.“

Komisch melancholisch

Wie Poschmann mit ihren Charakteren umgeht, ist eine Überraschung. Ihr erhabener Stil kontrastiert mit Figuren, die weder von sich selbst noch von der Erzählung ernst genommen werden. In wiederkehrenden selbstreflektiven Episoden hat Silvester für sich nur Sarkasmus übrig. Auch die narrative Perspektive ergeht sich regelmäßig in Spott. Die Biographien der Protagonisten und ihre Interaktion sind funktionierende Komik, zum Lachen – einerseits ein großer Erfolg. Was aber darf man überhaupt noch ernst nehmen? Lesende sehen sich genötigt, einen Kompromiss zwischen einnehmend melancholischer Dichtung und dem Lächerlichen einzugehen. Beide funktionieren in sich, ihr Wechsel kann irritieren.

Mit „Die Kieferninseln” hat Marion Poschmann ein im schönsten Sinne ausuferndes Gedicht verfasst, das es allein durch seine dichte und originelle Sprache wert ist, mehrmals gelesen zu werden. Die Geschichte, vergleichsweise hintergründig, dient der Autorin als Gerüst, um ihre lyrische Fertigkeit anzuwenden. Die irrelevante Erzählung trübt nicht den Gesamteindruck; und doch hätte man sich eine große Geschichte gewünscht, die Poschmanns Stil gerecht wird.

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