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Emotionale Reaktionen auf Böhmermanns „Schmähgedicht“

Wenn wir beleidigt werden, reagieren wir darauf. Doch welche Reaktionen zeigt man, wenn ein Staatsmann verspottet wird? Mareike Froitzheim hat sich auf der „Hass/Literatur“ Tagung schlau gemacht.

Der Urheber des Gedichts, Jan Böhmermann. Foto: Jonas Rogowski (Creative Commons)

Jan Böhmermanns „Schmähgedicht“ gegen den türkischen Präsidenten Recep Erdogan trat vor über zwei Jahren eine Staatsaffäre los. Der Machthaber in Ankara reagierte bekanntermaßen gereizt. Doch welche emotionalen Reaktionen zeigen Proband*innen beim Anschauen des Videos? Diese Frage hat die Soziologin Nur Yasemin Ural untersucht und ihre Ergebnisse im Rahmen der „Hass/Literatur“ Tagung an der FU vorgestellt.

„Europe is losing its humour.“ Das war damals Yanis Varoufakis Kommentar zum entschuldigenden Verhalten Angela Merkels in der Affäre, die das Gedicht als „bewusst verletzend“ bezeichnete. Jan Böhmermann wurde zeitweise nach §103 StGB strafrechtlich verfolgt, Teile des „Schmähgedichts“ dürfen nicht mehr rezitiert werden und das ZDF entfernte das Video sofort aus der Mediathek. Ural hat den satirischen Beitrag nun in Bezug auf affektive Reaktionen, d.h. auf die direkten emotionalen Auswirkungen auf die Zuschauer*innen, wissenschaftlich beleuchtet.

Das Auge fühlt mit

Bei ihren Forschungen hat Ural das Video des Schmähgedichtes als einen Körper angesehen, der auf andere Körper, nämlich die Betrachtenden, einwirkt. Schon zu Beginn ihres Vortrages verweist Ural darauf, dass Gefühle und Emotionen als Produkte gesehen werden können, die historisch, gesellschaftlich konstruiert werden können. Der skandalöse Charakter ist für sie nebensächlich, ihr Interesse liegt auf der diskursiven Performance.

In ihrer Analyse des Videos geht sie u.a. auf dessen Visualität ein, die von der türkischen Flagge sowie einem Portraits Erdogans dominiert wird. Die Verwendung der türkischen Flagge interpretiert sie dabei u.a. als Grund für die Debatte über die Grenzziehung zwischen allgemeinem Rassismus und persönlicher Beleidigung. Durch das Zeigen des nationalen Symbols könne sich eine größere Menschengruppe in der Kritik widerspiegeln und damit angegriffen fühlen.

Scham vor dem eigenen Verhalten

Bei kleinen Gruppeninterviews wurde das Video, inklusive der einleitenden Erklärung Böhmermanns, verwendet, um die Gefühlsreaktion von Menschen auf Themen wie Blasphemie zu untersuchen. Ural betont jedoch, dass bei der Auswertung der Reaktionen der „Reenactment Charakter“ des Versuchs berücksichtigt werden muss, also die spätere Darstellung eines zurückliegenden medialen Diskurses und dessen Auswirkungen auf die Proband*innen. Während des Videos wurden verschiedene körperliche Reaktionen bei den Probanden sichtbar: Von Amüsement und unterdrücktem Lachen bis hin zu Scham, Ekel und Unbehagen reichten die Reaktionen.

Aus diesen Beobachtungen, sowie aus einer gezeigten Empathie gegenüber Erdogan in den darauffolgenden Interviews, schlussfolgert Ural, dass bereits das Hören von Beleidigungen eine körperliche Wirkung erreicht, auch wenn man selbst nicht betroffen ist. Interessant ist, dass sich viele Proband*innen nach Ural und ihrer Reaktion umsahen, wenn sie gelacht hatten. Mit dieser Rückversicherung wollten sie schauen, ob ihre Reaktion gesellschaftlich erlaubt bzw. nicht erlaubt ist.

In ihrem Vortrag verdeutlichte die Soziologin, dass einige Menschen auf satirische Beiträge ohne Einbezug der Meta-Ebene reagieren, d.h. ohne den satirischen Charakter zu beachten. Am Ende stellt sich die Frage, ob trotz der eigentlichen Intention Böhmermanns, die Grenzen des Sagbaren zu zeigen, die medialen und politischen Reaktionen nicht zu erwarten waren, da die Reaktionen eben oftmals auf der Gefühlsebene und damit unreflektiert stattfanden.

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