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“Das war vermutlich ziemlich gefährlich”

Vor einem Jahr eskalierten in Hamburg die G20-Proteste – für Willi Effenberger waren es normale Arbeitsbedingungen. Der Fotojournalist und FU-Student ist von Konflikten fasziniert, reist für seinen Job sogar nach Syrien. Ein Porträt von Marius Mestermann.

Wasserwerfer gegen Vermummte: Eskalation in Hamburg. (Foto: Willi Effenberger)

Wasserwerfer, Barrikaden: Eskalation in Hamburg. (Foto: Willi Effenberger)

An einem Freitagmittag Anfang Juli steht ein müder Willi Effenberger vor dem Pressezentrum des G20-Gipfels in der Hamburger Messe und wartet. Er hat kaum geschlafen, in der Nacht zuvor ging es hoch her im Schanzenviertel. Doch er muss arbeiten. Gerade hat ihm ein BKA-Beamter mitgeteilt, dass ihm die Akkreditierung aufgrund “sicherheitsrelevanter Erkenntnisse” entzogen und der Zutritt zum Messegelände untersagt werden soll. Effenberger ist überrascht. Aber es ist nicht das erste Mal, dass Beamt*innen ihn aufhalten, während er beruflich im Einsatz ist.

Effenberger ist freier Fotojournalist und wirkt im Gespräch wie ein Mensch, der in sich selbst ruht. Er zögert nur selten, wenn man ihn etwas fragt. Seine Antworten kommen in ruhigem Ton, manchmal schmunzelt er. Aber seine teils haarsträubenden Erfahrungen gehören für ihn längst zum Geschäft. Dabei ist er erst 26 Jahre alt und eigentlich noch Student.

Meistens ist er auch anwesend, sitzt in Seminaren zu Friedens- und Konfliktforschung am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der FU. Doch sobald sich die Gelegenheit ergibt, reist er auch schon mal für eine Woche ins Ausland, um aus einem Krisengebiet zu berichten. Von 2013 bis 2016 war er zudem regelmäßig in der Türkei. Was treibt ihn dazu, sich freiwillig gewalttätigen Demonstrationen oder gar Bürgerkriegen auszusetzen?

Helm und Gasmaske im Gepäck

“Ich hatte schon immer eine Faszination für soziale Konflikte in der Zuspitzung bis zum Krieg. Das soll nicht heißen, dass ich total auf Waffen stehe oder ein Adrenalinjunkie bin. Mich interessieren die Dynamiken, die Menschen dazu bewegen, in den Krieg zu ziehen oder auf die Straße zu gehen.”

Seine Faszination für die Fotografie hat er von seinem Vater, einem Hobby-Knipser. Heute arbeitet Effenberger Junior mit teurem Profigerät und muss in seine Tasche auch schon mal mehr einpacken als Objektive und Speicherkarten. Dabei kann sein Equipment schonmal zum handfesten Problem werden.

Als er 2015 ins bayerische Elmau reiste, um vom G7-Gipfel und den Gegenprotesten zu berichten, wurde er bei einer Kontrolle gestoppt. Effenberger war zwar als Berichterstatter akkreditiert, doch die Beamten störten sich an dem, was sie bei ihm fanden: Helm und Gasmaske.

Anzeige wegen Passivbewaffnung und Vermummung, entschied der Einsatzleiter und wollte ihm ein Betretungsverbot für ganz Elmau erteilen. Effenberger rief seine Redaktion an und die Pressestelle der Polizei – drei Stunden später durfte er weiter, die Anzeige wurde zurückgezogen.

„Eine regelrechte Schmutzkampagne“

Einen ähnlichen Ablauf erwartet Willi Effenberger auch, als man ihm vor der Hamburger Messe seine Akkreditierung entzieht. Doch tatsächlich ist die Situation auch Monate später nicht geklärt. Nach dem Gipfel entzündet sich eine Debatte, weil das BKA insgesamt 32 Journalist*innen den Zutritt verweigerte.

“Das war eine regelrechte Schmutzkampagne, die da gegen uns gefahren wurde”, kritisiert Effenberger und verweist darauf, dass einigen seiner Kolleg*innen inzwischen Entschuldigungsschreiben zugegangen sind. Ihm nicht.

Aber eine Entschuldigung interessiert Effenberger auch gar nicht. Er weiß noch immer nicht genau, was bei ihm der Grund war. “Es kam wohl alles Mögliche zusammen”, sagt er. Einmal, bei den Protesten gegen die EZB-Eröffnung in Frankfurt am Main 2015, stellte die Polizei seine Personalien fest – auch dort arbeitete er nachweislich als Journalist. In den Akten stand aber nur: „im Rahmen der gewalttätig verlaufenen Aktionen festgestellt”.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz führte ihn zudem auf einer Beobachtungsliste, weil er nach Syrien gereist und mit einer kugelsicheren Weste und Verbandsmaterial wiedergekommen war. Dass er dort als Journalist gearbeitet hatte und sich entsprechend schützen musste, wurde nicht vermerkt: “Das Ergebnis ist ein Daten-Tohuwabohu, bei dem ich selbst nicht ganz durchsteige.” Inzwischen kümmern sich Anwälte um die rechtlichen Hintergründe, schließlich steht hier seine berufliche Existenz auf dem Spiel. Doch manchmal geht es auch ums nackte Überleben.

Sie trinken Tee, als die Fliegerbombe einschlägt

So wie das eine Mal in Tabka, einer syrischen Stadt nahe Rakka. Nahe der Frontlinie – einer Straße – sitzt Effenberger mit mehreren Männern der “Demokratischen Kräfte Syriens” (SDF) zusammen, die den “Islamischen Staat” vertreiben wollen. Sie trinken Tee, essen Dosenmortadella und unterhalten sich, während über ihnen immer wieder Flugzeuge zu hören sind. “Irgendwann habe ich das ausgeblendet”, sagt er. Doch plötzlich ertönt ein Geräusch, “als ob jemand tief Luft holt und gleichzeitig pfeift, gefolgt von einem ohrenbetäubenden Rumms”.

Die Straße rüber: Explosion im syrischen Tabka. (Foto: Willi Effenberger)

Die Straße rüber: Explosion im syrischen Tabka. (Foto: Willi Effenberger)

Auf der anderen Straßenseite, im Gebiet des sogenannten IS, kracht eine Fliegerbombe der US-Koalition in ein Haus. “Das war vermutlich ziemlich gefährlich”, sagt Effenberger im Rückblick gelassen. “Hätte ich gewusst, dass das passiert, wäre ich natürlich da weg. Aber es war ja schon geschehen, also habe ich mir stattdessen meine Kamera geschnappt.”

Wie lernt man, mit dieser Gefahr umzugehen? “Ich habe mich rangetastet. In der Türkei habe ich über Straßenkämpfe mit Molotow-Cocktails und Tränengas berichtet . Die Dynamiken sind dann in einem Kriegsgebiet nicht groß anders – auch wenn es dort gefährlicher ist.” Er setze sich nie einem unnötigen Risiko aus. Um auf seinen Reisen Informationen, Mitfahrgelegenheiten oder Übersetzungen zu bekommen, vertraut Effenberger auf Erfahrungen anderer Berichterstatter*innen oder auf lokale Netzwerke.

Sprachbarrieren stören ihn nicht, er lernt vor Ort die gängigen Floskeln und schlägt sich ansonsten mit Englisch und Deutsch durch. Mit den Menschen in Kontakt zu kommen, ist dann das kleinste Problem: Die meisten stünden hinter der Sache, für die sie kämpfen und erzählten ihre Geschichte gerne, so Effenberger. Im nächsten Semester will er sein Studium beenden – und dann in Vollzeit dahin gehen, wo Konflikte eskalieren.

Dieser Text stammt aus der 19. Ausgabe von FURIOS (Januar 2018) – hier als ePaper bei Issuu.

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