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Weniger Studierende sind keine Lösung

Der ehemalige FU-Präsident Alt will, dass weniger Schulabsolvent*innen ein Studium beginnen. Victor Osterloh findet, den Uni-Abschluss anzustreben kann man in unserer Gesellschaft niemanden verübeln.

In einem Radiointerview, das seine Präsidentschaft Revue passieren lässt, sagt Peter-André Alt die Unterfinanzierung der Hochschulen sei auf den starken Anwuchs der Studierendenzahlen zurückzuführen. „Das werden wir so in Zukunft nicht weiter betreiben können. Wir müssen uns fragen: Sind diese Studienanfänger und -anfängerinnen an den Hochschulen richtig aufgehoben?” Er plädiert dafür, die Akademisierung zu hinterfragen und wieder vermehrt auf die berufliche Ausbildung zu setzen.

Wer so wie Peter-André Alt von den proletarisierten Gymnasien und Hochschulen Albträume kriegt, der jammert oft und ausdauernd um die gute alte Schule – und der kommt höchstwahrscheinlich aus einem Hintergrund, den man bürgerlich nennen kann. Es ist ein Jammern um das breite, humanistische Abitur, welches durch die Öffnung des Gymnasiums für größere Schülerzahlen entwertet wurde. Diese Kreise arbeiten hart daran mit Vorschulen, Elitegymnasien und Internaten die hohe Bildung wieder zu dem exklusiven Gut zu machen, das es einmal war. Währenddessen pochen sie auf die ‘guten Gründe’, warum das dreigliedrige Schulsystem und das daraus folgende vielgliedrige Verdienen eine gute Sache ist.

Das Bildungssystem lässt keine freie Wahl

Was uns alltäglich umgibt und jede ‘Erwerbsbiographie’ prägt, lässt beim genaueren Hinschauen stutzen. Hat der Akademiker etwas volkswirtschaftlich Wertvolleres gelernt? Alt ist Germanist – die Ausbildung kann es also nicht sein, die später ‘Verantwortung’ übernehmen lässt. Das bringt einen schnell zu der kniffligen Frage: Wie quantifiziert man den volkswirtschaftlichen Nutzen eines Hochschullehrers? Oder, wenn es sein muss, eines Journalisten? Warum verdient ein Akademiker in Leitungsfunktion, bei Alt lässt es sich nur schätzen, mehrere hunderttausend Euro im Jahr? Wegen der schwer zu tragenden Verantwortung, Arbeit zu verwalten? Oder weil es ihm so Spaß macht, dass er noch lange über die 65 weiterarbeiten wird, während der Dachdecker ein Jahr nach Beginn seiner Frührente mit Herzinfarkt unter die Erde geht – natürlich mit Ehrenkreuz ob seiner Verdienste um das deutsche Rentensystem.

Testet man Kinder im zarten Alter von 15 Monaten auf ihre kognitiven Fähigkeiten, lässt sich kein Unterschied nach sozialer Herkunft feststellen. Zwei Jahre später haben die Akademikerkinder bereits einen dreimal so großen Wortschatz wie ihre Spielkameraden aus Arbeiterfamilien. Ein Bildungssystem, dass jeden dorthin bringt, wo er nach Interesse und Fähigkeit am besten hinpasst, müsste seinem Gegenstand erstmal die Wahl lassen, frei zu entscheiden, was er eigentlich will. Im Alter von 15 Monaten ist das wohl kaum der Fall.

Kaputter Körper, weniger Verdienst

Es gibt keinen Grund, nicht den höchstmöglichen Bildungsweg zu gehen. Gerade weil die in pseudoegalitärem Duktus gebetsmühlenartig wiederholte Behauptung der ‘Gleichwertigkeit’ der Ausbildungswege eben nicht stimmt. Ein Job im Handwerk ist nicht genauso ‘gut’ wie ein akademischer: Er wird bei größerer körperlicher Abnutzung nicht so gut bezahlt, von der Gesellschaft nicht genauso anerkannt, er vermindert die Bildungschancen des eigenen Nachwuchs und, aus dem ersten Punkt folgend, ermöglicht er eine geringere Lebenserwartung.

Daher die Frage an Herrn Alt und seinen Mitstreiter*innen: Wer kann es in dieser Gesellschaft und in diesem System irgendjemandem verübeln, an eine Universität zu gehen?

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