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Keine Panik! Vom Ruhm ins Verderben

Nie genug haben: Drogensucht, Paranoia und Essstörungen prägten das Leben Benjamin von Stuckrad-Barres. Gleich zweimal besuchte Rabea Westarp die „Panikherz”  Inszenierung des Berliner Ensembles.

Am Rande des Wahnsinns. Foto: Julian Röder; Illustration: Joshua Leibig

„Wenn du anfängst, zuhause zu kochen, dann haben sie dich.“ Nach dieser Devise lebt Stuckrad-Barre seit jungen Jahren, denn er will mehr: Leben! Ruhm! Rausch! Das volle Programm eben. Ehrgeizig kämpft er sich durch diverse Stationen und Redaktionen, wird Musikredakteur, Autor für die Harald Schmidt Show – und verliert sich dabei an die Magersucht, die ihn schließlich in die schwere Kokainabhängigkeit treibt.

Regisseur Oliver Reese bringt Stuckrad-Barres schonungslos ehrlich beschriebene Lebensgeschichte auf die Bühne des Berliner Ensembles. Und das funktioniert hervorragend: Die verstörende One-Man-Show, die auf dem Papier aus der Ich-Perspektive erzählt wird, bestückt Reese mit vier Schauspieler*innen, die abwechselnd Stuckrad-Barres Lebensphasen und dessen Weggefährten verkörpern – und schafft ein mitreißendes Spektakel.

Wenn der Kopf dröhnt wie die Musik

Begleitet werden sie von einer überragenden Band, welche die Inszenierung mit Klassikern von Nirvana über Oasis bis hin zu Rammstein untermalt – und allen voran: Udo Lindenberg. Als sein vergöttertes Kindheitsidol, war er es, der Stuckrad-Barre mit seiner Rockmusik einen Anreiz gab, gegen die langweiligen Pfarrereltern in der Provinz zu rebellieren. Nachdem er Lindenberg später in Plattenkritiken eigens verreißt, wird er ihm im Moment der totalen Selbstaufgabe zum beschützenden Kameraden. Nur keine Panik.

„Da sind Leute, die regelmäßig Drogen nehmen, es aber ‚im Griff‘ haben, was man daran erkennt, dass sie ein niedliches Tuwort fürs Drogennehmen benutzen: Feiern. Kennt ihr, Berlin?“ Improvisierte Durchbrüche der vierten Wand, die gleichzeitig zum Grinsen, aber auch zur Selbstreflexion anregen, provozieren ertapptes Gelächter im nahezu ausverkauften Saal. Was zuerst lustig ist, geht bald über in eine brilliante Manie, bei der einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Sachlich erläutern die Darsteller*innen in der Rolle des Abhängigen das Hungern, das schließlich von bulimischen Fressattacken abgelöst wird. Es folgen Drogenorgien, unzählige Klinikaufenthalte und Entzüge – und dann rasten sie wieder völlig aus. Beutelweise Kokain fliegt über die Bühne, mittendrin die vier Benjamins, verwahrlost, wirres Haar. „Wie viel Kokain muss ein Mensch im Körper haben, damit der Kopf endlich Ruhe gibt?“

Achterbahn auf der Reeperbahn

Lindenbergs Songs begleiten den über zwei Stunden andauernden wahnwitzigen Rausch auf der Bühne und untermalen Stuckrad Barres euphorischste und dunkelste Momente gleichermaßen. Spätestens als die Band „Reeperbahn“ in sphärischen Techno ausklingen lässt und der Club auf der Bühne im Stroboskop-Licht flackert, sind auch die letzten Zuschauer*innen auf den mitreißenden Trip aufgesprungen.

Der Grat zwischen einer Ode an Idol und Freund Udo Lindenberg und der autobiografischen Geschichte von Ruhm und Absturz gelingt in der amüsant-tragischen Achterbahnfahrt mühelos. Dabei reflektiert sie sich selbst und regt zur Selbstreflexion an: Der Provinzjunge, der das Spießertum doch so verabscheute, lebt es als Junkie selbst: angewiesen auf totale Regelmäßigkeit und beherrscht von Zwängen.

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