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Sich der Gewalt entschreiben

Édouard Louis‘ autobiografische Romane werden verfilmt und in der Schaubühne aufgeführt – nun ist er mit nur 25 Jahren Gastprofessor an der FU. Mareike Froitzheim über ein außergewöhnliches Seminar.

„Literatur muss sich schämen“ -Édouard Louis. Foto: Christopher Olssøn.

Auftritt eines jungen blonden Mannes im gängigen Uni-Look – erst nach wenigen Sekunden realisieren die Studierenden im Raum, dass er kein Kommilitone ist, sondern ihr Professor. Der 25-jährige Dozent ist kein geringerer als der französische Star-Schriftsteller Édouard Louis. Dieses Sommersemester hat er die Samuel Fischer Gastprofessur am Peter Szondi-Institut der FU inne. Mit seinem Debütroman „Das Ende von Eddy“ (franz. Original „En finir avec Eddy Bellegeulle“) gelang ihm 2014 der Durchbruch. Seitdem zählen literarische, philosophische und soziologische Größen wie Didier Eribon und Geoffroy de Lagasnerie zu seinem Freundes- und Bekanntenkreis und er nimmt neben ihnen eine der wichtigsten Rollen in der französischen Intellektuellenszene ein. Dass sein Lebenslauf einmal so aussehen würde, war jedoch alles andere als absehbar.

Aus der Provinz in die Stadt

Als „Eddy Bellegeulle“ in eine Arbeiterfamilie im Norden Frankreichs hineingeboren, musste sich Édouard Louis bereits in jungen Jahren aufgrund seiner Homosexualität mit familiären und gesellschaftlichen Repressalien auseinandersetzen. Wie ein Befreiungsschlag wirkte so sein Umzug nach Amiens, wo er begann Soziologie und Philosophie zu studieren, was er dann in Paris fortsetzte. Seine schwierige, durch Armut gezeichnete Vergangenheit prägen nicht nur seine autobiografischen Romane, sondern lenken ihn in seinem gesamten Denken, Schreiben und Lesen. Er beschäftigt sich intensiv mit den Schriften von Michel Foucault und Simone de Beauvoir, über den französischen Soziologen Pierre Bourdieu gab er 2013 einen soziologischen Sammelband heraus. Aus dem Zusammenspiel dieser Theorien und Louis‘ eigener Biographie entsteht in seinen Veröffentlichungen eine am eigenen Beispiel durchgeführte genaue und kritische Erörterung von Gewalt in der Gesellschaft. Ob er sein Leben mit drei autobiografischen Romanen nicht bereits auserzählt hätte? Nein, meint er, denn täglich würde sich in der Welt genug ereignen, um pro Tag mindestens 200 Bücher schreiben zu können.

Gewalt als Antrieb

Schon der Titel seines Seminars „History of literature. History of violence” zeigt auf, wie dicht verankert die Geschichten der Gewalt und der Literatur sind. Nicht zuletzt ist es die Verantwortung der Schriftsteller*innen, auf soziale Missstände in der Gesellschaft, in der sie leben, aufmerksam zu machen. Sie fassen in Worte, was wir jeden Tag ignorieren, und machen dadurch die Probleme für die Einzelnen fassbar. Diese Gabe, nach der man in der deutschen Gegenwartsliteratur nahezu erfolglos sucht, beherrscht Édouard Louis in Perfektion. Sowohl seine Werke als auch sein Seminar, verdeutlichen wie alltäglich Machtkonstellationen sind und dass Gewalt kein rein körperliches Phänomen ist. In einer solchen Welt ist kein Platz für harmlose Literatur, betont er in seiner Antrittsvorlesung: „Literatur muss sich schämen, denn um sie herum gibt es Krieg, Klassenunterschiede, männliche Dominanz, Verfolgung von Tieren, Zerstörung“. Scham versteht er in diesem Kontext als Mittel um eine andere Welt aufzubauen – vielleicht sollten wir uns auch außerhalb der Literatur wieder mehr schämen, zu Gunsten einer menschlicheren Welt.

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