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Aktivist*innen benennen Wege an Charité um

Eine Protestaktion an der Charité sorgt für eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte der Institution. Judith Rieping über NS-Ärzte und eine entfachte Debatte. 

Die Wege sind Charité interne Geländeadressen auf dem Campus in Berlin Mitte. Foto: Copyright Charité Universitätsmedizin Berlin

Wer vergangene Woche über das Gelände der Charité spaziert ist, betrat ungeahnt völlig neue Wege. Der Sauerbruchweg und der Bonhoefferweg, beides interne Geländeadressen der Charité, waren plötzlich als Käte-Frankenthal-Weg und Emma-Haase-Weg ausgeschildert.

Was man für offizielle Straßenschilder halten konnte, scheint eine Protestaktion von Studierenden der Charité zu sein. Wer genau hinter der Aktion steckt, ist bisher unbekannt. Lediglich die Studierendengruppe „Kritische Mediziner*innen“ befürworten in einer Presseerklärung die Umbenennung. Sie halten eine „kritischere Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit der Charité für notwendig.“ Sowohl Ferdinand Sauerbruch als auch Karl Bonhoeffer haben eine umstrittene NS-Vergangenheit.

NS-Ärzte als Vorbilder?

Ferdinand Sauerbruch ist eine der großen Koryphäen der Charité Geschichte. Er entwickelte bahnbrechende Operationsmethoden, führte erstmalig OPs am offenen Brustkorb durch, und erfand moderne Handprothesen für Kriegsversehrte. Dass Sauerbruch auch eine umstrittene NS-Vergangenheit hat, ist an der Charité bekannt. „Durch öffentliche Verlautbarungen und Auftritte unterstützte Sauerbruch seit 1933 das NS-Regime“, liest man in der 2015 eröffneten GeDenkOrt – Austellung der Charité über seine Rolle im Nationalsozialismus. Darüber hinaus sprach er 1933 in einem offenen Brief an die Ärzteschaft der Welt der Hitler-Regierung sein Vertrauen aus und verteidigte „die harten und schweren Eingriffe, die jede revolutionäre Tat begleiten würden“. Als Sachverständiger im Reichsforschungsrat befürwortete er medizinische Experimente in Konzentrationslagern und war über deren Fortgang informiert.

Neue Vorbilder sollen zum Beispiel Krankenpflegerin Emma Haase und Ärztin Käte Frankenthal werden.

Die Kritischen Mediziner*innen erklären dazu in einem längeren Positionspapier: „seine ideologische Nähe zum Faschismus gibt Anlass, das Narrativ des selbstlosen Lebensretters zu verwerfen und ihn abseits aller Verklärung historisch adäquat einzuordnen.“ Auch eine historische Forschungsgruppe aus Hannover sprach eine Empfehlung aus, Straßen die seinen Namen tragen umzubenennen.

Karl Bonhoeffer, Psychiater und Neurologe an der Charité, spielte eine ähnlich kritische Rolle als Arzt im Nationalsozialismus. Er unterzeichnete als Gutachter im Rahmen der „Erbgesundheit“ Zwangssterilisationen. Obwohl er der Nazi-Ideologie nicht nahe stand und selbst Angehörige im Widerstand hatte, beiteiligte er sich mit seinen ärztlichen Gutachten an den Verbrechen der Nazis.

Wie geht es weiter?

Trotz dieser Einschätzungen gab es bisher keine Initiativen von Seiten der Charité eine Umbenennung zu erwägen. Thomas Beddies, stellvertretender Leiter vom Institut für Medizinhistorik und Ethik in der Medizin, hält die Protestaktion jedoch für „durchaus anregend und im positiven Sinne auch für uns Lehrende herausfordernd“. Er räume ein, dass das Institut keine einheitliche Meinung zur Umbennung habe, wünsche sich aber, dass man dies „auch mit kommenden Generationen Studierender diskutieren könnte.“

Die Studierendengruppe fordert weiterhin eine Stellungnahme ihrer Unileitung zu der Umbennenungsaktion. Man wünsche sich ein „Umdenken darüber, welche Persönlichkeiten als Vorbilder für zukünftige Ärzte und Ärztinnen gelten können“ und schlagen dabei selber Kriterien wie soziales Engagement und Zivilcourage vor. Die historische Aufarbeitung an der Charité scheint durch die Aktion wieder in Schwung gekommen zu sein.

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