FURIOS Undercover: Die Künstler vom Bahnhof Zoo | FURIOS Online
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FURIOS Undercover: Die Künstler vom Bahnhof Zoo

Astronomische Kaffeepreise und göttliche Ambitionen: Johanna Daniel ist an der Universität der Künste einen Tag lang vor die jungen Schöpfer*innen Berlins getreten.  

So mag es bei Johanna Daniels Besuch in etwa ausgesehen haben. Illustration: Manon Scharstein, Bild: Pixabay, Montage: Anselm Denfeld

“Sind Sie Studentin der UdK?” Die Dozentin starrt mich an. Eigentlich wollte ich doch nur still dabei sitzen, im Seminar mit dem vollkommen realitätsnahen Thema “Wahnsinn erschaffen”. Stattdessen stottere ich zwischen all den den kreativen Wahnsinns-Schöpfer*innen nur noch ein leises “Nein” heraus und verlasse zügig den Raum. Mission “UdK Undercover” ist vorläufig gescheitert.

Aber von vorne: Die hippen Berliner Künstler*innen brauchen keine bewusstseinserweiternden Mittel, denn schon der Lehrplan hat alles, was die kreativen Herzen höher schlagen lässt. Von “Aliens” über “improvisiertes Orgelspiel” bis hin zu dem “Sinn des Lebens” – an dieser Uni muss der Wahnsinn eigentlich gar nicht mehr erschaffen werden. Viele dieser Lehrveranstaltungen finden am Wochenende statt. Zwei Fragen schießen mir durch den Kopf: Wie vereinbaren die kreativen Köpfe unserer Stadt ihr Studium mit dem obligatorischen Sonntagsausflug ins Berghain? Und wie soll ich in den Seminaren undercover bleiben?

Der Sinn des Lebens in 16 Sitzungen

Denn schon in der Fakultät für Gestaltung muss ich meinen Studierendenausweis vorzeigen. Für meine grüne Campuscard ernte ich verwirrte Blicke von der neben mir stehenden Gruppe und dem Pförtner. Auf der Suche nach dem Seminarraum wecken wummernde Bässe aus den oberen Stockwerken in mir den Wunsch, das Tanzbein zu schwingen – donnerstags morgens um 10 Uhr. Nach meinem wahnsinnig kurzen Intermezzo im Seminarraum gehe ich, ein wenig traurig über meine Verbannung, den Techno-Klängen nach und lande im studentischen Café.

Goldenes Lametta hängt von hohen Decken, alles erinnert stark an Coffee Shops in Mitte. Ich zahle 2,80€ für meinen Filterkaffee, mein Geldbeutel findet das nicht so lustig. Aber wenn man hier studiert und die hohen Kosten für zahlreiche Utensilien in Kauf nimmt, fallen astronomische Kaffeepreise wahrscheinlich auch nicht mehr auf. Ich lasse mich neben einem bebrillten Mann im orangenen Overall und blauem Lidschatten nieder und fühle mich langweilig.

Meine Erkundungstour durch das Gebäude lässt mich zweifeln, ob ich wirklich an einer Universität bin. Stilvoll stolzieren die Studierenden durch die Gänge. Hier scheint alles extremer zu sein: auffälliges Make-Up, extravagante Kleidung, bunte Haare und komische Frisuren mit sehr kurzen Ponys kommen mir erhabenen, selbstsicheren Schrittes immer wieder entgegen – die Kunst beginnt an der Udk wohl schon an den Künstler*innen selbst.

Dahlemer Dorftrottel auf Marmorböden

Mit meinem zu großen Pullover und zu zerzausten Haaren komme ich mir vor wie ein Dorftrottel und verschwinde zur Mensa am Hauptcampus. Hier mischen sich Studierende der UdK und der TU. Ich lande an einem Tisch mit einer Gruppe, die angeregt darüber diskutiert, was das Wort „Fluid“ für moderne Kunst bedeutet. Ich will mich einmischen, aber das Fachwissen fehlt. Schade.

Das Hauptgebäude erinnert an ein Museum: Edler Marmorboden und vereinzelt Kunstwerke, die ich als Laie nur mehr oder weniger gut einordnen kann. Auf dem Weg zum Seminar „Kunst und Liebe“ bewundere ich die mit Graffitis verzierten Türen. Als ich einen Studenten mit mehreren Bildern unterm Arm nach dem Weg frage, werde ich ignoriert. Kurz nachdem ich den Raum endlich finde, werde ich auch hier verscheucht. Anscheinend sieht man mir an, dass ich nicht zur kreativen Elite gehöre. Am überfüllten Bahnhof Zoo denke ich sehnsüchtig an den Heidelberger Platz und verspüre fast ein bisschen Freude, mich morgen früh wieder mit meinem weiten langweiligen Pullover durch die Masse schieben zu können.

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