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Walderdbeeren und Widerstand

Für die Nazis war sie ein Stein im Getriebe, für zwei Jüdinnen eine Lebensretterin. Elisabeth Schiemann leistete Widerstand im Privaten und in der Wissenschaft. Durch ihre Forschung zur Pflanzengenetik widerlegte sie die pseudowissenschaftlichen Lehren der „Rassenhygiene”. Ein Portrait von Rabea Westarp.

Elisabeth Schiemann. Quelle: Archiv der Max-Planck-Gesellschaft

Als eine der ersten Frauen, die zu einem Studium der Naturwissenschaften zugelassen wird, gelingt Agnes Marie Elisabeth Schiemann an der Universität Berlin, der heutigen Humboldt-Universität, die Promotion. Ihre wissenschaftliche Karriere verläuft zunächst holprig: Ihre Forschung finanziert sie mit Stipendien, sie ist als Privatdozentin tätig und hält mäßig bezahlte Vorlesungen zu Fortpflanzungsbiologie und Samenkunde, bis es sie 1931 an das Botanische Institut verschlägt.

Klare Kante gegen die Nazionalsozialisten

Dort wendet sich für sie das Blatt. Schiemanns Forschung zur Geschichte von Kulturpflanzen bringt ihr internationale Anerkennung ein. Außerdem organisiert die Wissenschaftlerin gemeinsam mit evangelischen Kirchengemeinden Fortbildungen zum Thema Genetik, in denen sie sich klar gegen die Rassenhygiene der Nationalsozialisten ausspricht. Auch nach Hitlers Machtergreifung erhebt sie ihre Stimme weiter gegen das NS-Regime – das bleibt nicht ohne Konsequenzen.

1940 wird ihr nicht nur eine ordentliche Professur versagt, man entzieht ihr sogar die Lehrberechtigung. Der offizielle Grund: „Politische Unzuverlässigkeit“. Schiemann lässt sich von diesen Maßnahmen nicht beirren. Ganz im Gegenteil – sie leistet Widerstand und versteckt die Jüdin Andrea Wolffenstein in ihrer Wohnung. Für deren Schwester Valerie Wolffenstein findet Schiermann einen Zufluchtsort bei einem befreundeten Pärchen. Die beiden entgehen so einer Deportation und können 1944 fliehen.

Neben ihrem humanistischen Grundgedanken begründet sie ihr Engagement auf ungewöhnliche Weise: Die Biologin entlarvt die nationalsozialistische Eugenik mit ihren eigenen Mitteln. In ihrer Forschung zur Kulturerdbeere belegt sie, dass die Unterarten der süßen Frucht sich kreuzen und so über neue Arten zur Erhaltung der Kulturerdbeere führen. Wieso also sollte die Rassenhygiene, die „Reinerhaltung der Menschenrassen“, etwas anderes sein als pseudowissenschaftlicher Blödsinn? Schiemann ist sich sicher: Die Natur profitiert nur von Vielfalt, die ein Fortbestehen der Arten garantiert.

Die ihr zustehende Professur erhält die mutige Frau erst nach Kriegsende, gemeinsam mit einem Lehrauftrag an der späteren Humboldt-Universität.

Die Gerechte unter den Völkern

Mit der Freien Universität verbindet Schiemann nicht nur der enge Bezug zum Botanischen Institut, sondern auch ihre Mitgliedschaft im Gründungskomitee der FU im Jahr 1948. Im Gegensatz zu ihrer engen Freundin, der international berühmten Atomphysikerin Lise Meitner, ist sie der Öffentlichkeit jedoch bis heute kein Begriff. Im Jahre 2014, 42 Jahre nach Schiemanns Tod, sammelt das Botanische Museum der FU gemeinsam mit der Gedenkstätte Deutscher Widerstand und der Evangelischen Kirche ihr überliefertes Wissen und veröffentlicht es in einem Sammelband. Die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem ehrt die Wissenschaftlerin im selben Jahr posthum mit der Verleihung des Titels „Gerechte unter den Völkern.“

Mit ihrer Courage repräsentiert Schiemann eine andere Rolle der Wissenschaft im Dritten Reich. Anders als viele Akademiker*innen verließ sie weder Deutschland, noch beugte sie sich dem Druck der Faschisten. Die tapfere Genetikerin zeigte auch in den dunkelsten Zeiten großen Mut und belegte so die Möglichkeit des Widerstandes – privat, wie in der Forschung.

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