Kühlschrankplünderung für bessere Bildung

Wäh­rend im Prä­si­dium Stu­den­ten letzte Hem­mun­gen fal­len las­sen, hält ein Pro­fes­sor am bestreik­ten OSI die kon­struk­tivste Semi­nar­sit­zung des gan­zen Semes­ters. Der »Bil­dungs­streik« hat viele Gesichter.

praesidium

von Mar­tin Lejeune

12 Uhr mit­tags, Hör­saal 1a: Voll­ver­samm­lung mit 1500 Stu­den­ten. Zuerst sprach eine Stu­den­tin einige bewe­gende Worte, daß für sie das Stu­dium an der Uni­ver­si­tät darin bestehe, alles, was ihr von Dozen­ten gesagt werde, zu hin­ter­fra­gen. Danach erhielt Hajo Funke, Pro­fes­sor der Poli­tik­wis­sen­schaft, das Wort. Er rief zur Unter­stüt­zung von Mir Hos­sein Mus­savi auf, einem geschei­ter­ten Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten und Tech­no­kra­ten aus dem Iran. Viele klatsch­ten dem Mussavi-Hype Bei­fall. Dar­über, in wel­chem Zusam­men­hang ein ira­ni­scher Wahl­vor­gang mit dem Bil­dungs­streik an der FU steht, durf­ten sich die Stu­den­ten selbst den Kopf zerbrechen.

Nach­dem auch die ein­schlä­gig bekann­ten Funk­tio­näre der orga­ni­sier­ten Stu­den­ten gespro­chen hat­ten, war der Bedarf der Basis an Dis­kus­sio­nen um Reso­lu­ti­ons­ent­würfe gedeckt. Es bil­dete sich ein spon­ta­ner Pro­test­zug zum Prä­si­dium. Ein Pulk aus etwa 500 Stu­den­ten stürmte das Zen­trum der Ver­wal­tung. Wäh­rend die Poli­zei ziem­lich schnell mit Ein­satz­wa­gen das Gebäude umstellte, ver­ga­ßen im Inne­ren einige der Demons­tran­ten ihre gute Kin­der­stube und lie­ßen letzte Hem­mun­gen fal­len. Es wurde in den Gän­gen und in Amts­zim­mern geraucht, der Kühl­schrank von nor­ma­len Ange­stell­ten wurde geplün­dert und die Joghurt und Getränke kon­su­miert. An den Wän­den fan­den sich bald die übli­chen Klos­prü­che. Auf­kle­ber wur­den auf alle erreich­ba­ren Flä­chen geklebt, ein Kak­tus mal­trä­tiert und Beschil­de­run­gen von Büros aus der Wand geris­sen. Die­ser Van­da­lis­mus wurde von der Mehr­heit der Anwe­sen­den gedul­det. Die Vor­gänge zei­gen die große Unzu­frie­den­heit der Stu­den­ten. Es ziemt sich jedoch nicht für Stu­den­ten, ihrer Unzu­frie­den­heit so ziel­los und will­kür­lich Luft zu machen. Gerade Stu­den­ten soll­ten ihre Lage bes­ser reflek­tie­ren können.

»Viva Streik­bre­cher Segbers!«

Unter­des­sen blieb das Otto-Suhr-Institut für Poli­tik­wis­sen­schaft besetzt. Aller­dings gibt es auch hier Stu­den­ten, die ihre Pro­fes­so­ren in Inter­net­fo­ren fei­ern, weil sie ihre Semi­nare kurz­ent­schlos­sen vom OSI in die Sil­ber­laube ver­le­gen. Klaus Seg­bers, Direk­tor des Zen­trums für Glo­bale Poli­tik und Bera­ter der Bun­des­re­gie­rung bei der Stif­tung Wis­sen­schaft und Poli­tik, hat das getan. Die nach­mit­täg­li­che Sit­zung sei­nes Semi­nars zu inter­na­tio­na­len Bezie­hun­gen besuch­ten immer­hin noch 20 Stu­den­ten im Ver­gleich zu 35 bis 40 wäh­rend des unge­stör­ten Wis­sen­schafts­be­triebs. Ein Teil­neh­mer erzählte, daß Herr Seg­bers das Semi­nar am Ende als die „kon­struk­tivste, inter­es­san­teste Sit­zung des gan­zen Semes­ters“ lobte.

Auf Face­book fei­ern ihn Nut­zer dafür bereits mit »Viva Streik­bre­cher Seg­bers!« und »Guter Mann!!«. Soweit zum ande­ren Extrem der Ver­ir­run­gen der Stu­den­ten. 

Noch in der Nacht von Mon­tag auf Diens­tag sagte Seg­bers per Rund­brief eine für den nächs­ten Mor­gen ange­setzte Lehr­ver­an­stal­tung am Otto-Suhr-Institut ab. Ange­sichts »der unge­wis­sen Lage und der schwer zu kal­ku­lie­ren­den Wet­ter­be­din­gun­gen« sei es kurz­fris­tig schwie­rig, einen alter­na­ti­ven Ver­an­stal­tungs­ort zu fin­den. Die Ent­schei­dung sei rein »prag­ma­tisch“, heißt es in dem inter­nen Schrei­ben. Auf Nach­frage wider­spricht Seg­bers dem nahe lie­gen­den Schluss, er wolle sich von den Strei­ken­den dis­tan­zie­ren. Um im nächs­ten Satz zuzu­ge­ben, daß er mit einer Dis­tan­zie­rung aber auch kein Pro­blem gehabt hätte. »Ich lasse mir mei­nen Arbeits­rhyth­mus nicht von ande­ren vor­ge­ben«, sagt er. Soli­da­ri­tät mit den strei­ken­den Stu­den­ten, die es sich erlau­ben für wenige Tage den Arbeits­rhyth­mus des Herrn Seg­bers zu stö­ren, kann man von sol­chen Aka­de­mi­kern in der gegen­wär­ti­gen Bil­dungs­re­pu­blik nicht mehr erwarten.

16. Juni 2009, Bildungsstreik, Politik

4 Kommentare

  1. […] auch: Kühl­schrank­plün­de­rung für bes­sere Bil­dung sowie die Bil­der­stre­cke Die […]

    Pingback von FURIOS Online - „Wir wollen keinen Stress, sondern den Dialog mit Herrn Lenzen!“ — 16. Juni 2009, 22:30

  2. Siehe auch http://www.furios-campus.de/2009/06/15/meiner-erster-teilzeitstreik/

    Comment von Martin Lejeune — 17. Juni 2009, 9:26

  3. Wo auf Face­book wird Seg­bers gefei­ert? Hab nix gefun­den. War auch in die­sem Semi­nar. Er hat zu Beginn ange­bo­ten, über den Streik zu dis­ku­tie­ren, aller­dings war nie­mand außer mir daran interessiert.

    Comment von Constantin — 18. Juni 2009, 14:58

  4. Hallo Con­stan­tin, einer mei­ner Freunde auf Face­book hat Seg­bers gefei­ert. es ist über mich auch nach­zu­le­sen. du kannst mich übri­gens wei­ter­hin über Seg­bers‹ Semi­nare infor­mie­ren, ich bleibe an dem Thema Seg­bers dran

    Comment von Martin Lejeune — 21. Juni 2009, 16:06