Beziehungstherapie | FURIOS Online
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Beziehungstherapie

Moderne Hochschule ist eine Zicke. Ihr Vater Bildung heult sich bei seiner Therapeutin Geschichte aus. Schuld sind die Verwandten: Politik und Wirtschaft. Eine Kurzgeschichte von Devid Mrusek.


Illustration: Michi Schneider

Bildung liegt mit offenem Hemd und ohne Schuhe bei Geschichte auf dem Sofa. Er ist ein jovialer älterer Herr und ungefähr 200 Jahre alt. Während er sich nervös durch sein schütteres Haar fährt, versucht er sein Persönlichkeitsproblem in Worte zu fassen. Seit einiger Zeit erkennt er sich in seiner Tochter Moderne Hochschule nicht mehr wieder. »Ich habe den Eindruck, dass sie mehr nach ihrer Mutter kommt als nach mir.« Geschichte ist in die Jahre gekommen. Ihre Praxis befindet sich in einem Neubau im Stadtteil Neukölln. Von ihrem Schreibtisch aus hat sie Bildung aufmerksam zugehört und sich Notizen in ein dickes Buch mit Ledereinschlag gemacht. »Es ist wichtig«, sagt sie, »dass du ihr die Freiheit zugestehst, eine eigene Prägung auszubilden.« Sie wirft ihm einen aufmunternden Blick zu. »Du hast als Heranwachsender auch gespürt, dass Schule und Elternhaus alleine nicht aufs Leben vorbereiten können, oder nicht?« Bildung stehen die Selbstzweifel geradezu ins Gesicht geschrieben. »Dieser Satz könnte von mir stammen.« Geschichte blättert in ihrem Buch. »In der Tat. Du hast das geschrieben, als du zwanzig warst.«

Die 19-jährige Moderne Hochschule schlendert mit ihrem Freund Zeitgeist durch den Volkspark Friedrichshain. »Meine Eltern haben einen Dachschaden«, sagt Moderne Hochschule zwischen zwei Schlucken Radler. »Meine Mama meint, ich solle mich für meinen späteren Beruf bilden. Mein Vater meint, durch die Ausbildung würde ich geistige Freiheit erlangen.« Das sei wichtiger, als nur Fachwissen reinzupauken. Zeitgeist streicht sich eine Strähne seiner asymmetrischen Frisur aus der Stirn. »An unserer Uni? Fünf Prüfungen pro Semester, Freiheit my ass!«, skandiert er. Im Gehen dreht er sich eine Zigarette. Moderne Hochschule ist in Gedanken schon bei Freitag, dann wird sie mit ihrem Patenonkel Politik aufs Land fahren. Seine Ansicht über Ausbildung ist ihr verständlicher als das elterliche Geschwafel. In seiner letzten E-Mail schrieb er, dass die Beamten einer Universität nur dem Staatszweck verpflichtet seien. Moderne Hochschule bleibt plötzlich stehen: »Die Ausbildung muss der Bedürfnisse, die der staatliche Großbetrieb und die Ökonomie an sie stellen, gerecht werden!« Zeitgeist gibt ein verächtliches Schnauben von sich. »Aber Staat und Gesellschaft bieten nicht mehr eine ›Erweiterung des Ich‹, so wie einst!« Für ihn üben sie nur Druck darauf aus. »Ich sage: Für Mündigkeit bist du selbst verantwortlich, that’s my religion!« Er setzt sich auf eine freie Stelle der Wiese und zündet seine Zigarette an. »Siehst du das nicht auch?«

Bildung hantiert in der Küche herum, als Wirtschaft nach Hause kommt. Sie küsst ihn auf dem Weg ins Bad flüchtig, woraufhin Bildung in der Arbeit innehält. »Wusstest du, dass Politik und seine Frau Verwaltung unsere Tochter in ihr Landhaus eingeladen haben?« Wirtschaft wendet sich um. »Nein. Etwas Ruhe wird ihr bei ihrem derzeitigen workload aber guttun.« »Seine Moralpredigten über die soziale Verpflichtung der Intellektuellen anzuhören ist doch nicht erholsam! Außerdem interessiert sie sich durch ihn nur noch für Methodik statt für die Inhalte«, erwidert er. In seinen Augen kombinieren die vorgeblich vielseitigen Exzellenz-Professoren bloß Themen aus einem unklaren »Ideenpool«. Für ihn ist das ein zusammenhangsloses Aufeinandertreffen von belanglosen Fragen, über deren inhaltliche Leere sich der Apparat beständig hinwegevaluiert. Bildung verzieht das Gesicht. »Diese neumodische Beschäftigungstherapie, die Politik propagiert, ist nichtig!«, ruft er. Seine Ehefrau lässt ihre Business-Handtasche fallen und geht auf ihn zu. »Deine formation humaine ist doch von gestern! Was hilft sie ihr auf dem Weg ins Berufsleben?«, entgegnet Wirtschaft voller Zorn. »Und was hilft es dir, den besten Stahl zu produzieren, wenn dein Innerstes voll Schlacke ist?«, gibt Bildung wütend zurück. Wirtschaft steht nun dicht vor ihm. »Mit Goethe brauchst du mir nicht zu kommen!«, sagt sie in einem schneidenden Ton. »Ein wenig Zweckorientiertheit im Leben schadet nicht!« Damit greift sie sich ihre Handtasche und verschwindet durch die Haustür. Bildung schaut seiner Frau verdutzt hinterher. Wie konnte sie behaupten, dass die Ausbildung ihr Kind auf das Berufsleben vorbereitet, wenn die Wissenschaft dieses durch neue Erkenntnisse in der Forschung beständig verändert? Bildung hat sich wieder gefangen und wählt eine Handynummer. Verwaltung nimmt beim fünften Klingelton ab, ihr Mann ist gerade auf Wahlkampfreise. »Kann ich zu dir kommen?«, fragt Bildung mit betont ruhiger Stimme.

Als Moderne Hochschule gegen Mitternacht nach Hause kommt und in die unaufgeräumte Küche tritt, verdreht sie die Augen. Das Essen auf dem Tisch verspeist sie trotzdem dankbar. Zur gleichen Zeit kniet ihr Vater auf einem Bett in Potsdam und beugt sich zu Verwaltung hinab, die unbekleidet daliegt. Er schätzt sie als eine unabhängige Beraterin und merkt dabei nicht, wie die Zuneigung zu ihr ihn in seinem Urteil fehlleitet. Er braucht sie, um seine Beziehung mit Wirtschaft durchzuhalten, gleichzeitig kettet ihn seine Begehrlichkeit auch an Politik. Er muss seinen politischen Ideen aufgeschlossen gegenüberstehen, denn er will nicht seine Affäre mit dessen Frau gefährden. Niemand der Beteiligten merkt, dass sich alles um Verwaltung dreht. Deren Prominenz  veranlasst Politik zurecht dazu, gemeinsam mit Wirtschaft von der ehemals freien Schulbildung ihren Tribut einzufordern: strukturiertes Studium, mehr erfolgreiche Abgänger, kein Bummeln. All dessen ist sich Bildung nicht bewusst, als er sich Verwaltung hingibt.

Wirtschaft sitzt bei Geschichte in einem bequemen Sessel, auf einem fremden Sofa zu liegen, kommt ihr ungebührlich vor. Sie hat die Augen geschlossen und versucht, Bildung in einem Satz zu beschreiben. »Mein Mann hängt in einer Nachkriegs-Schleife fest«, bringt sie schließlich hervor. Sie sieht ein, dass nach 1945 erziehungstechnisch auf klassische Werte zurückgegriffen werden musste. Das war für die Wiedereinbürgerung der Deutschen in Europa elementar. Bei der derzeitigen wirtschaftlichen Lage müsse davon aber Abstand genommen werden. »Heute muss die Universität den Anforderungen ihrer Stakeholder genügen. Ich würde niemals einen unproduktiven Lehrstuhl kofinanzieren.« Geschichte ist müde und kann ihr Amusement über die neuerlichen Eheprobleme des Paars kaum verbergen. »Das System der Kofinanzierung hat Politik doch mit Verwaltung und dir 1911 in Dahlem aus der Taufe gehoben«, sagt sie. Die Gründung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft markierte den Zeitpunkt, als Firmen die universitäre Wissenschaft zu unterstützen begannen. Deren Einflussnahme wurde durch Verwaltung scharf überwacht. »Schon damals habt ihr euch gezankt, weil eure Interessen auseinandergingen«, fährt Geschichte mit einem Schmunzeln fort. Die Gesichtszüge von Wirtschaft lassen Erinnern erkennen. Sie würde tatsächlich gerne mit Politik die Inhalte der Schulbildung bestimmen. Diese Konstellation allerdings schätzt Geschichte als kopflos und verkopft zugleich ein. Es wäre wie ein eisengepanzertes Schiff, dessen magnetische Masse den Kompass um seine Funktionstüchtigkeit bringen würde.

Um drei Uhr nachts begegnen sich Wirtschaft und Bildung vor ihrer Wohnung. Schweigend betrachten sie sich im Licht der Straßenlaternen, bevor sie hineingehen. Ihr Einverständnis ist, wie stets, ein labiles. Die stille Übereinkunft, dass sie sich brauchen und ihr Kind sie beide braucht, würde bei der nächsten Gelegenheit wieder in Streit umschlagen. Geschichte sitzt nun endlich im Pyjama auf ihrem Bett. Nur sie hat die nötige Weitsicht, um das schwierige Verhältnis der beiden zu erkennen: Das Streben nach Erkenntnis oder materieller Absicherung bringt sie dazu, auf ewig unzufrieden in ihrer Beziehung zu bleiben. »Oder«, denkt Geschichte, als sie sich hinlegt und das Licht löscht, »vielleicht sollten sich die beiden eine bessere Therapeutin suchen. Vielleicht bin ich doch keine gute Lehrmeisterin.«

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