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Humboldt vermauert

Rot-Schwarz behindert mit seinem Koalitionsgeschacher nicht nur die Berliner Wissenschaftslandschaft, sondern liefert sie mit der neuen Ressortaufteilung nebenbei der Privatwirtschaft aus. Ein Kommentar von Matthias Bolsinger.

Wilhelm von Humboldt würde sich im Grabe umdrehen: Berlin tritt sein Bildungsideal mit Füßen. Wissenschaft funktioniert als Einheit von Forschung und Lehre – das war die Vorstellung Humboldts, die die Universitäten auf der ganzen Welt prägte. Ausgerechnet in seiner Heimat jedoch nimmt es die Politik damit nicht ganz so genau.

Wissenschaft und Forschung wurden im neuen rot-schwarzen Senat auf verschiedene Ressorts aufgeteilt. Die Sozialdemokraten bestimmen in der kommenden Legislaturperiode über das Ressort „Bildung und Wissenschaft“ und somit unter anderem über die Berliner Hochschulen und die Charité. Die CDU erhielt das Ressort für Wirtschaft, Technologie und Forschung. Darunter fallen die außeruniversitären Institute. Statt der Trennung von Bildung und Wissenschaft, die von allen Seiten für sinnvoll erachtet wurde, wird jetzt eine Mauer zwischen Forschung und Wissenschaft hochgezogen.

Doch das humboldtsche Ideal fiel dem schnöden Koalitionsgeschacher zum Opfer. Alles lief Sturm gegen die neue Aufteilung der Ressorts. Die Präsidenten der Universitäten sorgen sich nicht nur um die Exzellenz ihrer Universitäten, sondern schaudern ebenso vor der zu erwartenden wuchernden Bürokratie. Der Grenzwall zwischen universitärer und außeruniversitärer Forschung wird höher, zudem werden auf das Personal der Bildungseinrichtungen in Zukunft absurde Amtsgänge zukommen: Ein außeruniversitärer Wissenschaftler mag zwar auf demselben Gebiet wie seine Kollegin von der Universität forschen, muss aber auf ein anderes Amt. Eine effektive Forschungskooperation und -kommunikation: zugemörtelt.

Roter Teppich für die Fremdbestimmung

Schlimm genug, dass der Senat so die wissenschaftliche Qualität beschneidet. Das Koalitionssüppchen hat aber darüber hinaus noch einen ganz bitteren Nachgeschmack: Forschung steht nun ganz offiziell unter neuem Label. Statt ihn beispielsweise mit der Kultur unter einem neuen Ressort zu vereinen – was als Alternative durchaus im Raum stand – muss sich der Erkenntnisdrang der Verwertungslogik der Ökonomie unterordnen. Statt universitärer und außeruniversitärer Forschung befruchten sich nun Wirtschaft und Wissenschaft. Letzterer wird das nicht gut tun.

In einem gemeinsamen Brief an SPD und CDU klagte zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter der Berliner Wissenschaft, durch die Zusammenlegung von Forschung und Wirtschaft in einem gemeinsamen Ressort dränge die „direkte wirtschaftliche Umsetzbarkeit von Forschungsergebnissen die Bedeutung der gerade in Berlin breit aufgestellten und sehr erfolgreichen Grundlagenforschung in den Hintergrund“. Im Klartext: Diktierten bisher ohnehin schon zum größten Teil wirtschaftliche Interessen, was und wie in der Spitze geforscht wird, wird dem privaten Sektor nun der rote Teppich zu weiterer Industrieforschung ausgerollt.

Das scheint die Verantwortlichen abseits ihrer formalen Bedenken indes kaum zu kümmern. Im April warb FU-Präsident Peter-André Alt selbst für die Senats-Ehe von Wissenschaft und Wirtschaft, die doch so viel voneinander lernen könnten. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit behauptete, die Forschung würde ohnehin immer die Nähe zur Wirtschaft suchen – und verwechselt dabei Ursache und Wirkung. Mit der Bologna-Reform stieß die Politik die Wissenschaft in Richtung Wirtschaft. Jetzt liefert  Rot-Schwarz mit der Forschung eine Hälfte des humboldtschen Bildungstandems der Fremdbestimmung in die Arme.

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