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Heimat bleibt Heimat

In Syrien müssen Menschen um ihr Leben fürchten. Doch wie fühlt sich eine Revolution im Heimatland aus der Ferne an? FURIOS sprach mit einem Syrer über Hoffnungen, Leid und Sehnsucht nach dem Zuhause. Von Lev Gordon

Amir studiert in Berlin, seine Heimat bleibt Syrien    Foto: Fabian Hinsenkamp

Tausende Menschen sind zur Kundgebung in der Stadt Hama erschienen. Hama ist hinter Homs eine der größten Rebellen-Hochburgen Syriens. Die Menschen, die sich auf dem Platz versammelt haben, fordern alle eins: Den sofortigen Rücktritt Assads. Die Versammlung verläuft friedlich. Die Menschen haben Blumen und Süßigkeiten für die Soldaten als Zeichen der Versöhnung mitgebracht. Plötzlich eröffnen zwei Uniformierte das Feuer. Mit Maschinengewehren schießen sie wahllos in die Menge. Noch am nächsten Tag ist der ganze Platz voller Blut.

»Das Volk wollte anfangs nur friedlich gegen das Regime kämpfen«, sagt Amir*. Jedoch habe die brutale Gewalt des Regimes die Menschen dazu gezwungen, sich zum Schutz ihrer Familien zu bewaffnen. Er sitzt 3.506 Kilometer entfernt, in einem Biergarten in Dahlem. Die Sonne scheint, die Leute am Nachbartisch lachen. Es wirkt fast surreal, wenn er von dem grausamen Massaker in seiner Heimatstadt erzählt. Ruhig schildert er die Ereignisse. Er macht Pausen, um seine Worte zu wählen.

Vor zwei Jahren kam Amir nach Berlin, um Lebensmitteltechnologie zu studieren. Gerade am Anfang war es nicht leicht für ihn, Anschluss zu finden. Eine neue Sprache, eine andere Kultur, kaum Kontakte. Doch mit der Zeit lernte er viele neue Freunde kennen und gewöhnte sich an sein Leben in Berlin. Kaum hatte er sich in Deutschland eingelebt, begann im März 2011 die Syrische Revolution. Amir konnte es kaum glauben. Nie hätte er gedacht, dass der Arabische Frühling auch sein Land erreichen würde. Schließlich herrschte der Assad-Clan schon seit 1970 über sein Land.

Jeden zweiten Tag rief Amir seine Familie an. Über die Revolution durfte er nicht sprechen. Zu groß war die Gefahr, abgehört zu werden, auch bei Skype. Euphorisch verfolgte er die Nachrichten, im Fernsehen und auch bei Facebook. Täglich füllte sich sein Newsfeed mit hunderten Informationen, darunter auch vielen bedauerlichen: An einem Tag schrieb ein Bekannter noch ein Status-Update – am nächsten Tag kam die Meldung von seinem Tod.

Doch hat die Revolution auch gute Seiten, findet Amir: Sie hat den permanenten Angstzustand in der Bevölkerung beendet. Früher sei es unvorstellbar gewesen, in Anwesenheit eines Fremden das Regime zu kritisieren. Zu groß das Risiko, dass es sich um einen Spitzel der Regierung handeln könnte. Seit den Aufständen ist es besser geworden, die Menschen haben ihren Mut zurück. Denn sie wissen jetzt, dass sie nicht allein sind.

Sieht Amir seine Stadt im Fernsehen, dann spürt er die Sehnsucht nach seinen Freunden, nach seiner Familie. Gleichzeitig fühlt er Wut, wenn er beobachtet, was die syrischen Truppen anrichten. Es sei ungerecht, sagt er, dass Menschen sterben müssten, um den Lebenden ein besseres Land zu ermöglichen. Deswegen wünscht sich Amir für sein Land, dass die NATO militärische Hilfe leistet. Auch er würde für Demokratie kämpfen, jedoch ohne Gewalt. Amir hat eine andere Möglichkeit gefunden, zu helfen. Er versucht sparsam zu leben und viel zu arbeiten. Sein restliches Geld spendet er an eine Organisation, die Nahrung und Unterkunft für syrische Flüchtlinge im Libanon und in Jordanien bereitstellt.

Amir liebt Berlin, vor allem im Sommer. Während der heißen Jahreszeit versucht er die Stadt überhaupt nicht zu verlassen. Auch die Menschen hier gefallen ihm; die seien das Wichtigste. Die 3506 Kilometer Entfernung zu seiner Heimatstadt spürt er nicht. Doch eines Tages möchte er zurückkehren, trotz der schweren Veränderungen, die das Land durchlaufen wird. Denn eines ist für Amir sicher: Heimat bleibt Heimat.

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