Der Mann mit dem Sparschwein | FURIOS Online
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Der Mann mit dem Sparschwein

In seinen wilden Jahren als FU-Student wollte er die Gesellschaft ändern. Später wurde Hans Eichel Bundesfinanzminister und »Sparkommissar«. Margarethe Gallersdörfer hat mit ihm gesprochen.

Foto: Fabian Hinsenkamp

Hans Eichel, Bundesfinanzminister a.D. Foto: Fabian Hinsenkamp

Ost-Berlin in den frühen 60er Jahren: Zwei FU-Studenten stehen im Foyer des Kabaretts »Distel« und begutachten feixend ein Porträt von Walter Ulbricht. Darunter ist ein Sparschwein aufgestellt; der große Vorsitzende soll zum Spenden animieren. Sie schreiben etwas auf einen Fetzen Papier, wickeln ein Geldstück darin ein, werfen es durch den Schlitz – und geben Fersengeld.

Was stand denn auf dem Zettel, Herr Eichel? »Da stand: Für den Friseur. Der Spitzbart muss weg.« Inzwischen ist Hans Eichel 70 Jahre alt und Berlin nicht mehr geteilt. Er lacht heute noch über seinen Studentenstreich. »Wir hatten eine Angst, erwischt zu werden! Wir waren froh, als wir über die Heinrich-Heine-Straße raus aus Ost-Berlin waren. Als wir zwei Wochen später wieder hinkamen, hing das Bild noch da…dafür war das Sparschwein weg.« Er sitzt an einem schönen Morgen im Mai im Café Einstein Unter den Linden, dem Berliner Politiktreff – sein Vorschlag, und man scheint ihn dort auch gut zu kennen.

1999 machte Gerhard Schröder ihn zum Finanzminister. Als er sich anschickte, das Defizit der Bundesrepublik auf ein verfassungskonformes Maß zu reduzieren, hatte er seinen Spitznamen schnell weg: »der Sparkommissar«. Irgendwann überreichte ihm ein Besucher nach einer Veranstaltung ein Sparschwein; es wurde das erste Stück einer großen Sammlung, die er inzwischen dem Deutschen Zollmuseum in Hamburg geschenkt hat.

Doch wieso war Eichel der Richtige für den Job? Germanistik, Philosophie, Politikwissenschaft, Geschichte und Erziehungswissenschaft hat er in Marburg und Berlin studiert; eigentlich ist er Gymnasiallehrer. Vor Publikum, erzählt er, habe er damals gern gescherzt: »Als Finanzminister muss man gar nicht so viel können. Von den Grundrechenarten genügen zwei: zuzählen und abziehen. Man muss den Dreisatz beherrschen, weil einem meistens zugemutet wird, gleichzeitig die Steuern zu senken, keine Schulden zu machen und die Ausgaben zu erhöhen. Und drittens kommt man mit einem sehr geringen Wortschatz aus: Man muss vorzugsweise ›Nein‹ sagen können.« Mit der Materie vertraut war Eichel natürlich vorher schon, unter anderem als Finanzexperte der SPD-geführten Bundesländer im Bundesrat.

Als Finanzminister war er beliebt. Doch als Student hätte sich Hans Eichel wohl niemals träumen lassen, dass man ihm später auch mal vorwerfen würde, Kapitalgesellschaften unverantwortlich große Steuergeschenke gemacht zu haben. Während seiner drei Semester an der FU 1962 und 1963 ließ er sich mitreißen von der quirlig-politisierten linken Studierendenschaft. Den Burschenschaftler und späteren Berliner Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) als AStA-Vorsitzenden absetzen, die Auslieferung der studentenfeindlichen Bild-Zeitung verhindern – Eichel war dabei, »mit voller Überzeugung«. In die SPD trat er 1964 ein, inspiriert von einem Professor, der wegen Linksabweichung schon wieder ausgeschlossen worden war. Als er 1968 für sein Staatsexamen lernte, wurde ein Attentat auf Rudi Dutschke verübt – als Kasseler Juso-Vorsitzender organisierte Eichel Demonstrationen gegen die gesamtgesellschaftliche Stimmung, die den Angriff provoziert hatte.

Die Gesellschaft, die er verändern wollte, hat am Ende sich, aber auch ihn geändert. Vielleicht, weil sie den aufrührerischen Studenten doch Einiges zu bieten hatte: »Wir hatten Zukunftsvertrauen. Wir bekamen nicht nur auf jeden Fall einen Studienplatz, sondern danach in der Regel auch sofort den Arbeitsplatz, den wir wollten.« So habe es sich natürlich bequem protestieren lassen. »Das war die Situation der 68er: Wir haben volle Kanne und zu Recht opponiert. Aber wir hatten kein persönliches Zukunftsrisiko. Die Perspektiven für meine Generation waren viel besser als für die jungen Leute heute.«

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