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„Wir sind wilder als die Engländer“

Bald stimmen die Schotten über ihre Unabhängigkeit ab. Die Entscheidung hat auch Auswirkungen auf die Studierenden. Kirstin MacLeod hat während ihres Erasmussemesters Meinungen eingefangen.

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Für Schotten ist der Kampf um die Unabhängigkeit auch eine Sache der scheinbar verschiedenen Charaktere. Foto: Dave Conne, flickr.com

Silas McGilvray ist ein Ausnahmestudent. Zwar zählte der 21-jährige Politikstudent nicht zu den Besten seines Jahrgangs, als er vor Kurzem von der University of Edinburgh sein Bachelorzeugnis bekam. Dennoch ist er eine Seltenheit: Silas ist Schotte – und damit an der Uni der schottischen Hauptstadt eine Rarität.

„In meinem Fach sind mehr als zwei Schotten pro Kurs eine Seltenheit“, sagt Silas. Die Gründe dafür seien vielfältig: Edinburgh sei eine international ausgerichtete Uni und sein Fach „Internationale Beziehungen“ besonders anziehend für ausländische Studierende. „Vor allem aber liegt es am britischen Bildungssystem“, erklärt er. Das erlaube zwar den einheimischen Schotten und allen Erasmus- Studierenden umsonst in Edinburgh zu studieren. Engländer und sogenannte „overseas students“, die aus dem Nicht-EU-Ausland stammen, müssen hingegen zahlen. Die Anzahl der Studienplätze für nichtzahlende, einheimische Studierende ist daher geringer.

Das könnte sich bald ändern. Denn den Schotten steht am 18. September ihre bisher größte politische Entscheidung bevor: das Referendum über eine mögliche Unabhängigkeit vom Rest des Vereinigten Königsreichs.

Eine Studie der University of Edinburgh deutete jüngst an, dass es im Falle der Unabhängigkeit zu Änderungen im bisherigen System der Studiengebühren an schottischen Unis kommen könnte. Zwar befürwortet die schottische Regierung prinzipiell die Beibehaltung der Gebührenfreiheit für Schotten und EU-Mitglieder, so wie es die Unterstützer der Unabhängigkeit wollen. Langfristig sei dies der Studie zufolge aber nicht tragbar, da bei einer steigenden Anzahl schottischer Studenten Finanzierungslücken entstehen könnten. Daneben argumentieren die Referendumsgegner, dass das bisherige System – Engländer zahlen 9000 Pfund, Schotten nichts – infolge eines erfolgreichen Referendums gegen EURecht verstoßen würde. Daher könnten auch im Fall der Unabhängigkeit für Schotten Studiengebühren erhoben werden.

Silas ist trotzdem Befürworter des Referendums, Schottland und der Rest des Vereinigten Königreichs seien einfach zu verschieden. „Ich fühle mich schottisch, aber nicht britisch, da gibt es eindeutig Unterschiede“, sagt er. So wie Silas sieht es auch die Scottish National Party (SNP). Einer der Hauptgründe für die Forderung nach Unabhängigkeit sei vor allem der Eindruck, in Westminster zu wenig repräsentiert zu werden, erklärte jüngst ein Parteisprecher. Darüber hinaus geht dem politischen Konflikt der jahrhundertelange Prozess der „Scottish Devolution“ voraus: der Streit, ob Schottland durch ein schottisches Parlament innerhalb des Vereinigten Königreichs repräsentiert werden soll – der derzeitige Zustand – oder ob eine vollständige Unabhängigkeit nötig ist – das Ziel im Falle einer Unabhängigkeit im September.

Der separatistischen „YES“-Kampagne der SNP steht im Wahlkampf die „Better Together“-Kampagne gegenüber, der sich Sozialdemokraten und Konservative angeschlossen haben. Dass es besser ist, mit den Briten zusammen zu bleiben, findet auch Silas’ Kommilitonin Amna Hayat. Die 21-Jährige stammt aus Pakistan und sieht das Referendum skeptisch, obwohl sie seit einem Jahr für die SNP arbeitet. „Ich kann die Position einiger Schotten nachvollziehen“, sagt sie. „Ich sehe aber einfach nicht die Notwendigkeit zur Abspaltung. Gerade wirtschaftlich könnte das Schottland Probleme bereiten.“

Silas kennt diese Argumente. Umstimmen werden sie ihn aber nicht. Für ihn ist und bleibt die Frage nach der Unabhängigkeit Schottlands eine emotionale: Wer an die Briten denke, habe automatisch einen reservierten Gentleman der englischen „Upperclass“ vor Augen. „Nicht, dass die Engländer nicht freundlich wären“, sagt Silas. „Aber wir Schotten sind offener, herzlicher, netter – und vielleicht auch ein bisschen wilder.“

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