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Die Kunst des Scheiterns

Endstation Studium? Klischees zufolge lockt die Filmwissenschaft verkappte Künstler an. Sie warten auf einen Durchbruch, der womöglich nie mehr kommt. Cecilia Fernandez traf zwei gescheiterte Filmambitionierte.

 

Illustration: Gwendolyn Schneider-Rothhaar

Illustration: Gwendolyn Schneider-Rothhaar

„Auf einmal nichts mehr zu sein, ist schon krass.“ Daniel Wachowiak denkt nicht mehr oft an jene Tage, als seine Rolle nach und nach aus der beliebten KiKa-Serie „Schloss Einstein“ verschwand. Das Ende kam nicht unerwartet: Er wusste, dass er zu alt für die Kinderserie wurde. Immer seltener fand er seinen Namen in den Drehbüchern. Trotzdem – die Rückkehr in ein Leben ohne Fanpost und Fernsehstudio fiel ihm schwer.

Die Schauspielkarriere des gebürtigen Babelsbergers begann im Kindergartenalter und führte über kleine Rollen in Serien und Filmen der Öffentlich-Rechtlichen zu „Schloss Einstein“. 2002 wurde Daniel zu „Leon“ – der Figur, die ihm Autogrammwünsche einbrachte und wegen der er auf der Straße erkannt wurde.

Auch heute noch sind Film und Fernsehen Daniels große Leidenschaft. Doch die Jobangebote bleiben aus. Stattdessen studiert er
Filmwissenschaft und genießt es, sich tagtäglich mit seinen Lieblingsmedien beschäftigen zu können: »Das ist eigentlich ein Luxus«, sagt er mit dem für ihn typischen offenen Lächeln.

Cindy Michel ging es bei der Wahl des Studienfaches ähnlich: „Ich wusste, ich schreibe gerne Drehbücher, ich spiele gerne Theater und fotografiere gerne – aber ich wusste nicht, was ich damit anfangen soll.“ Auch sie hatte reichlich Praxiserfahrung gesammelt, ehe sie das Studium der Filmwissenschaft aufnahm. Sie schrieb, inszenierte und spielte Theater, drehte Kurzfilme und absolvierte ein Volontariat bei einer Lokalzeitung. Schließlich bewarb sie sich an verschiedenen Filmhochschulen, um Regie oder Drehbuch zu studieren. Für einen Platz reichte es nicht.

Nach mehrfachen Ablehnungen entschied Cindy sich für das Studium an der FU: als Alternative zu den üblichen Wegen in die Filmbranche. Sie wollte „ihren Horizont erweitern“ und „Geschichten durch Bilder und Worte beleben“, sagt sie und lacht über ihre pathetische Wortwahl. Bisher hat das Studium ihr den Weg in das ersehnte Berufsfeld noch nicht geebnet. Die Dozenten seien teils genial, aber „eben als Wissenschaftler“, die Kurse theorielastig. „Das Studium ist auf eine akademische Karriere gemünzt“, bestätigt Daniel. Die ständige theoretische Behandlung der Kunstform, so beide, lähme zuweilen den kreativen Geist. „Aber viele der Studierenden wollen sich ja auch wirklich nur theoretisch mit dem Medium Film beschäftigen“, erklärt Cindy.

Die Liebe zur Theorie teilt sie manchmal auch: „Die Wissenschaft gibt auch Ideen für Drehbücher oder Experimente.“ Daniel stimmt ihr zu: Wer Filme analysiere, verstehe die Arbeit dahinter besser. „Die Theorie schult das Auge. Das ist auch viel wert.“

Daniel konzentriert sich derzeit auf seinen Studienabschluss. Für die Schauspielkarriere hätte er zwischen Hausarbeiten und Klausuren auch gar keine Zeit. „Außer für eine gute Rolle beim Tatort, das wäre ein Traum“, sagt er grinsend. Für Cindy kommt Aufgeben nicht in Frage: „Das Leben ist doch dazu da, zu lernen und seine Träume zu verwirklichen.“ Auch wenn sie mit ihrer Suche nach Gleichgesinnten unter den angehenden Akademikern wenig Erfolg verbuchen kann, ihre Leidenschaft und Zuversicht greift das nicht an. Als sie im Halbdunkel eines Neuköllner Cafés den Kopf an die Wand lehnt, ist in ihren Zügen noch etwas anderes zu lesen: Kampfgeist. Von Blauäugigkeit keine Spur.

 

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