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Eine Berliner Pflanze

Acht Jahre lang war Hans-Jürgen Papier Deutschlands oberster Richter. Seine ersten juristischen Schritte machte er an der FU. Mara Bierbachund Matthias Jauch haben ihn getroffen.

Foto: Mara Bierbach

Foto: Mara Bierbach

Hätte Hans-Jürgen Papier auf den Studienberater der FU gehört, würde ihn heute wohl niemand kennen. 1962 schlug der ihm vor, Geschichte zu studieren. Mit diesem Fach hatte Papier nach dem Abitur zunächst auch geliebäugelt. Trotzdem entschied er sich für Jura – und legte damit den Grundstein seiner Karriere, die 2002 mit der Ernennung zum Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts ihren Höhepunkt erreichte. Papier, heute 70 Jahre alt und in München noch immer Jura-Professor, ist gebürtiger Berliner. Er wuchs in Mariendorf auf, im Süden West-Berlins. Auch während seiner Studienzeit an der FU wohnte er bei seinen Eltern, in den Ferien half er im Tabakgeschäft von Verwandten aus.

Der Beruf des Richters reizte ihn seit Beginn seines Studiums. „Dinge etwas distanzierter zu betrachten, nicht so emotional“, das habe ihm immer gelegen, sagt er. Papier spezialisierte sich auf öffentliches Recht, besonders Grundrechtsfragen interessierten ihn. Von allen Rechtsgebieten sei dies damals das anspruchsvollste gewesen. „Da konnten Juristen noch rechtsschöpferisch tätig werden“, erklärt er. „In der jungen Bundesrepublik war das allgemeine Verwaltungsrecht noch nicht kodifiziert, vieles war noch nicht abschließend geregelt.“ Sein prägendster Lehrer wurde bald Karl August Bettermann, damals ein Aushängeschild der FU und eine Jura-Koryphäe.
Ein Professor, der auch schon einmal 80 Prozent eines Jahrgangs durch eine Klausur rasseln ließ; ein Umstand, der für Jura symptomatisch sei. „Man wird in dem Studium nicht durchgängig aufgebaut“, sagt Papier. „Die Rückschläge und Enttäuschungen sind teilweise groß. Die gab es auch bei mir.“

Doch Papier war ehrgeizig. Der Ruf Bettermanns schreckte ihn nicht ab. Um an dessen berüchtigten „Berliner Seminar“ teilnehmen zu können, musste er bei Bettermann persönlich vorsprechen – und wurde angenommen. Wöchentlich referierte ein Teilnehmer zu einem Thema über die Grundrechte. Teilweise wurde bis tief in die Nacht diskutiert, erst im Seminarraum, später dann im Alten Krug. Anwesend waren oft nicht nur Studenten, sondern auch die juristische Elite Berlins,
die nicht selten harsche Kritik und scharfe Fragen einwarfen. „Das war eine harte Schule“, sagt Papier. „Es gab Studenten, die sind über die ersten drei Sätze ihres Referats nicht hinaus gekommen, die wurden gleich unterbrochen. Einige sind dort gescheitert.“

Wer durchhielt, schaffte es in späteren Jahren nicht selten in die obersten Ränge der Justiz: Im „Berliner Seminar“ der 1960er-Jahre saßen neben Papier auch Persönlichkeiten wie der derzeitige Präsident des Europäischen Gerichtshofes, Vasilios Skouris. Sein erstes Referat hielt Papier über „die allgemeinen Gesetze als Schranken der Grundrechte“. Später stellte Papier seine Doktorarbeit vor: „Da musste ich aufpassen, dass die Dissertation nicht schon vor dem Erscheinen zerrissen wird.“

Heute ist Papier froh, sich gegen den Vorschlag der Studienberatung entschieden zu haben. Bis zur bestandenen Habilitation 1974 blieb er in Berlin, erlebte auch die Proteste der 68er, wegen denen teilweise wochenlang Vorlesungen ausfielen. „Im Grunde bin ich akademisch ’ne richtige Berliner Pflanze“, sagt er, und plötzlich klingt sein sonst gestochen scharfes Hochdeutsch auch ein bisschen Berlinerisch. Die FU habe seine juristische und akademische Laufbahn nachhaltig geprägt. „Die Grundrechte haben mich immer fasziniert“, sagt er heute, vier Jahre nach seiner Pensionierung. „Das wurde damals in Berlin geboren.“

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