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Geschichten aus dem Schweinedarm

Würmer sind mehr als glibberige Wesen. Am Immunologie-Institut der FU wird erforscht, ob und wie der Schweinepeitschenwurm Krankheiten heilen kann. An der Charité wird der Parasit sogar schon an Men- schen getestet. Von Valerie Schönian

 

Illu: Luise Schricker

Illu: Luise Schricker

Etwas, das mit Parasiten zu tun hat, kann nicht gesund sein – sollte man meinen. Ein Forschungsprojekt an der FU beweist das Gegenteil: Es beschäftigt sich mit dem Darm, dem Schweinedarm. Dort haust der „Trichuris suis“: drei bis vier Zentimeter groß, hellgelb bis weißlich, schlängelt er sich durchs Leben. Der Trichuris suis ist der Schweinepeitschenwurm. Ein Parasit. Und er soll Asthma, Multiple Sklerose und andere Autoimmunkrankheiten heilen.

Das klingt erst einmal absurd, assoziiert man doch mit Parasiten gewöhnlich Übelkeit, Durchfall und andere Krankheiten. „Dabei begann das Problem, als Mama gesagt hat, wir sollen nicht mehr im Dreck spielen“, sagt Friederike Ebner. Sie arbeitet in der Abteilung Veterinärmedizin am Institut für Immunologie der FU und weiß: „Wir wachsen mittlerweile sehr steril auf, sodass wir wesentlich weniger natürliche Immunregulation haben.“ Die Schweinepeitschenwürmer leben wie alle Parasiten von einem anderen Organismus, in diesem Fall vom Borstentier. Damit sie nicht abgestoßen werden, regulieren sie das Immunsystem ihres Wirtes – aus rein egoistischen Gründen also. Ganz nebenbei sorgen sie dafür, dass Krankheiten wie Asthma oder Multiple Sklerose bei ihrem Wirt nicht auftauchen. Das will sich die Wissenschaft im Kampf gegen diese Krankheiten zunutze machen. Dabei geht es um zwei Dinge: erstens darum, zu zeigen, dass die Würmer helfen und zweitens herauszubekommen wie.

„Wir untersuchen die Substanzen, die von den Würmern im Darm ausgeschieden werden“, erklärt Ebner. „Diese Proteine wollen wir charakterisieren und klonen, um die positive Wirkung der Würmer nachahmen zu können.“ Seit mehr als einem Jahr laufen diese und andere Studien rund um den Schweinepeitschenwurm am Immunologie-Institut. Vier Leute arbeiten mit den Würmern. Mehrere Schweine stehen ihnen zur Verfügung, in denen sie die Würmer heranzüchten. Die Wurm-Eier entnehmen sie dem Kot der Tiere, für die Würmer selbst muss alle paar Wochen ein Schwein geschlachtet werden. Nur so kommen die FU-Wissenschaftler an die lebenden Parasiten und deren ausgeschiedene Proteine, die sie für ihre Untersuchungen brauchen.

Der Grund dafür, dass Ebner und ihre Kollegen ausgerechnet mit Schweinen arbeiten: Die Parasiten werden von Menschen abgestoßen, bevor sie ihre Geschlechtsreife erreichen und können sich somit nicht endlos vermehren. Denn der Homo Sapiens ist für den Schweinepeitschenwurm ein „Fremdwirt“. Die Annahme ist, dass die Würmer auch beim Menschen das Immunsystem regulieren könnten, würde der menschliche Körper sie lassen. In einigen klinischen Studien hat sich das bereits bestätigt. „Wir wissen, dass die Eier der Schweinepeitschenwürmer beim Menschen positive Auswirkungen auf Darmerkrankungen wie Morbus Crohn haben können. Bei anderen Krankheiten wie Asthma laufen die Untersuchungen noch“, sagt Ebner. Unter anderem an der Charité: Dort bekommen Patienten alle zwei Wochen jeweils 2500 Eier von Schweinepeitschenwürmern oral verabreicht.

Aber selbst wenn sich zeigt, dass die Würmer auch gegen Asthma helfen – sie können nicht einfach so für Menschen auf den Markt gebracht werden. Damit der Peitschenwurm aus dem Kot eines Schweins in den Darm eines Menschen wandern darf, müssen erst alle möglichen Nebenwirkungen getestet werden. „Es ist schön zu wissen, dass die Würmer helfen«, meint daher Friederike Ebner. „Es ist aber noch besser zu wissen, wie genau sie es tun.“

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