Geschichte im Ohr | FURIOS Online
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Geschichte im Ohr

Geschichte in einem neuen Licht sehen: Studentinnen des Studiengangs Public History verbinden spielerisch das Alte mit dem Neuen. Mit Smartphone oder Tablet geht es auf Spurensuche durch Berlin. Von Lisbeth Schröder.

Audiowalk_Cristina_Estanisalo_Molina

 Illustration: Cristina Estanislao Molina

Ich stehe am Kurfürstendamm. „Jeder fünfte Deutsche ist latent antisemitisch“, tönt es aus meinen Kopfhörern. Neben mir eine Balkantrompetenband, die laut scheppernd versucht, Leute zum Tanzen zu animieren. Menschen eilen an mir vorbei. Sie sind in Gespräche vertieft.

Es ist laut, überfüllt, hektisch. Ich lausche still der Stimme in meinem Ohr. Sie erklärt, dass alles um mich herum einst ein jüdischer Künstlerbezirk war, und dass es hier bereits 1931 das sogenannte »Kudamm-Pogrom« gegen die jüdische Bevölkerung gab – nur der Beginn der grauenvollen Ereignisse, die folgen sollten.

Was ich höre, ist Teil des Audiowalks „Kudamm’31“. Konzipiert wurde der akustische Rundgang von Studentinnen des Masters Public History der FU Berlin. Ausgehend von einem universitären Projekt haben sich Historikerinnen und Kulturwissenschaftlerinnen zusammengeschlossen. Ihre Arbeitsgruppe nennen sie „past[at]present“. Die Vergangenheit in der Gegenwart also.

Mit Kopfhörern auf den Ohren und meinem Smartphone in der Hand gehe ich auf digitale Spurensuche. Das Einzige, was ich dafür brauche, ist die kostenlose App „Radio Aporee“. Ich gebe meinen Standpunkt in die App ein und schon erscheinen auf der Karte auf meinem Bildschirm interessante historische Schauplätze in meiner Umgebung. Nun muss ich nur noch an den Ort des Geschehens laufen. Dort kann ich mir die dazugehörige Audiodatei anhören. Mal ist es eine Rede von Hindenburg, mal ein Gedicht von Erich Mühsam, mal jüdische Musik.

50 solcher Hörbeispiele machen den Audiowalk „Kudamm’31“ aus. Entlang der Berliner Prachtstraße verfolgt die Route die Geschehnisse des 12. September 1931. Dem Tag, an dem das »Kudamm-Pogrom« stattfand. Hunderte von Nationalsozialisten versammelten sich auf dem Kurfürstendamm und attackierten jüdische Passanten. Durch den Audiowalk verwandeln sich die Cafés und Geschäfte um mich herum in die Kulisse jenes dunklen Tages.

Marianne Graumann, Studentin und Mitbegründerin des Projektes, erklärt mir, wie die Audio-Dateien zum „Kudamm’31“ entstanden sind: Die Studentinnen sammelten Ton-Dateien aus alten Archiven und Bibliotheken, sichteten das Material, schrieben Texte und engagierten Sprecher für neue Aufnahmen. Die fertigen Dateien wurden in die App „Radio Aporee“ eingebettet. Was alle Hörbeispiele gemeinsam haben, ist der historische Schauplatz am Ku’damm sowie den inhaltlichen Schwerpunkt des Pogroms von 1931. Graumann erklärt die Auswahl folgendermaßen: „Von dem Pogrom haben die wenigsten schon gehört. Wenn die Geschichte des Ortesunbekannt ist, dann ist es erst recht spannend und sinnvoll, sie an die Öffentlichkeit zu bringen.“

Geschichte zugänglich, spür- und sehbar zu machen – genau das ist Ziel des Projektes. Fast Vergessenes haben die Studentinnen ausgegraben, historische Fakten haben sie locker verpackt. Der Audiowalk macht den Geschichtsunterricht zudem mobil und konkret erfahrbar, denn er findet vor Ort, direkt auf der Straße statt.

Das Konzept der Studentinnen war so erfolgreich, dass es mittlerweile neben „Kudamm’31“ noch zwei weitere Touren gibt: einen selbst organisierten Audiowalk im Afrikanischen Viertel und eine Tour in Begleitung eines kundigen Führers auf dem Tempelhofer Feld.

Am Ku’damm erreiche ich die letzte Station meines Audiowalk. Das Leben pulsiert weiter. Ich bin um einiges Wissen reicher. Die Lebensnähe der geschilderten Ereignisse hat mich mitgerissen. Für einen Moment war das fast Vergessene wieder in der Gegenwart präsent.

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