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Alkohol, wir müssen reden

Vier Tage die Woche Vollsuff. Das können sich nur Studenten leisten. Darüber nachdenken, dass das in die Abhängigkeit führen kann, will keiner. Es wird Zeit, über die Folgen unserer Exzesse zu sprechen. Text von Redaktion

Illustration: die greta

Illustration: die greta

Thomas kotzt vom Balkon und alle grölen. Er dreht sich um, reißt triumphierend die Arme in die Luft und erntet anerkennende Blicke. Um ihn herum steht der Rest der studentischen WG-Party und feiert ihn. Thomas wird beklatscht, weil er sich selbst freiwillig an den Rand körperlicher Dysfunktionalität gebracht hat. Wir kennen diese Situation – jede Party hat ihren Thomas. Nicht immer einen, der kotzt, doch immer einen, der jenseits von angetrunken ist. Vielleicht hat Thomas nur Spaß, vielleicht hat er aber auch ein Problem.

Doch darüber würden wir nicht reden. Krank, das sind die anderen. Ein Alkoholkranker, das ist jemand, der nichts mehr auf die Reihe kriegt. Wir ächten ihn, weil er einfach nicht von der Flasche lassen kann. Weil er sich am helllichten Tag volllaufen lässt. Doch es spricht vieles dafür, dass wir gar nicht so anders sind als dieser Alkoholkranke. Auch unser Trinkverhalten ist krank. Es hat nur keinen bösen Namen. Das verdankt es gleich mehreren Umständen. Viele davon haben mit dem Studentenleben zu tun. Unser Verhalten wird grundsätzlich nicht sanktioniert, weil es in die hiesige Feierkultur passt: völlige Hingabe an den Spaß, zeitbegrenzter Hedonismus, alles mitnehmen und alles egal. Jedes Wochenende. Das ist in Ordnung – solange wir am Montagmorgen wieder funktionierende Akademiker sind. Denn das muss der Student heutzutage sein:

Einer, der funktioniert. Samstagabend Caipi, Montagmorgen Credit Points. Die Diagnose Alkoholsucht gehört nicht zu so einem Leben. Studierende besuchen Vorlesungen, sie hängen in der Bibliothek rum – sie erwartet ein akademischer Abschluss und damit eine aussichtsreiche Zukunft. Wie viel Alkohol sie in ihrer Freizeit konsumieren, das stört erst mal niemanden. Denn der Student sitzt nicht an den Hebeln, die unsere Gesellschaft steuern. In der Studienzeit gelten nämlich eigene Regeln: Vorlesungen können geschwänzt werden, in der Bibliothek lässt sich gut ein Nickerchen einlegen – freie Zeiteinteilung und dehnbare Fristen lassen die Grenzen zwischen Freizeit und Arbeit verschwimmen.

Ob die Freizeit Überhand nimmt, merkt eigentlich keiner. Mit Restalkohol in die Vorlesung zu stolpern, geht klar. Im Arbeitsleben wäre das anders. Wer da am Montagmorgen mit einer Fahne aufkreuzt, handelt sich schnell einen schlechten Ruf ein. Ein Meeting schwänzen, weil der Vorabend doch feuchtfröhlicher wurde als ursprünglich geplant, geht gar nicht. Sollte es uns nicht stutzig machen, dass unser Feierverhalten nicht mit einem Berufsalltag kompatibel ist? Natürlich hat Alkohol seinen festen Platz in der Gesellschaft: Berufliche Erfolge werden begossen, auf Geburtstagskinder wird angestoßen und wen man sympathisch findet, den lernt man gern bei einem Drink besser kennen. Wer bei diesen Ritualen nicht mitmacht, eckt an. Wer gar nicht trinkt, der wird als prüder Spaßverderber abgestempelt. Oder noch schlimmer: Man hält ihn für einen trockenen Alkoholiker.

In jedem Fall sehen sich die Trinkenden am Tisch unter einem Rechtfertigungszwang. Vom Abstinenzler fühlen sie sich beobachtet. Der nüchterne Aufseher stört den geplanten Kontrollverlust. Er stört, weil wir ahnen, dass unser Verhalten nicht harmlos ist. Dass die Narrenfreiheit des Studiums nicht ewig währt. Und dass exzessives Trinken auch im Studium zum Problem werden kann. Glaubt man Bundesbehörden, ist schon eine kleine Flasche Bier pro Tag gefährlich. Was sagt das also über jene aus, die sich vier Mal pro Woche völlig die Kante geben? Wie können wir sicherstellen, dass das alles nur eine Phase bis zum Bachelorabschluss bleibt? Wir können es nicht. Bei den meisten wird sich der Alkoholkonsum von alleine an das Berufsleben anpassen.

Viele laufen Gefahr, die Gewohnheit Alkohol auch nach dem Studium nicht mehr loszuwerden. Viele Studierende, die alkoholkrank werden, legten die Grundsteine dafür schon in der Studienzeit. Warum geben wir dem Problem also nicht jetzt schon einen Namen? Man muss es nicht gleich Alkoholsucht nennen. Aber warum fragen wir nicht: „Warum trinkst du?“ statt „Warum trinkst du nicht?“

Weil wir unsere alkoholischen Exzesse nicht hinterfragen, lassen wir jenen, denen sie ein Problem geworden sind, keinen Raum, um Bedenken zu äußern. Wer abstürzt wie Thomas, muss das Trinken nicht gleich sein lassen. Doch wer abstürzt wie Thomas, vertraut anderen seine Alkoholsorgen vielleicht gar nicht an. Wahrscheinlich würde ihm ohnehin nur Unverständnis begegnen. Wer nicht mit Vorurteilen behaftet sein will, hält die Klappe. Unterstützung bekommen nur die, die gar nicht mehr funktionieren. Die nicht mehr nur eine Vorlesung im Semester verpassen, sondern alle. Soweit muss es nicht immer kommen.

Könnten wir ehrlich über unser Trinkverhalten sprechen, würden wir verstehen, dass nicht erst die Sucht ein Problem ist. Könnten wir ehrlich über unser Trinkverhalten reden, würden wir Gefährdungen frühzeitig erkennen; würden wir merken, dass sich hinter so mancher Coolness Scham und Sorge verstecken. Manche Archäologen behaupten, der Mensch sei überhaupt nur sesshaft geworden, um durch den Getreide-Anbau Alkohol brauen zu können. In all den Jahrtausenden seither hat sich aber kein gesundes Verhältnis zwischen Mensch und Fusel eingependelt.

Wir Studenten sind da keine Ausnahme. Zwischen uns und dem Alkohol läuft etwas falsch. Fangen wir an, darüber zu reden. Und geben dem Problem einen Namen.

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