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Ewige Ehemalige: Die Unbeirrbare

Sie hat Gerhard Schröder einen Korb gegeben und Europas Holocaust-Opfern in Berlin ein Denkmal gebaut. Die 78 Jahre alte FU-Alumna Lea Rosh ist vor allem für ihr Durchsetzungsvermögen bekannt. Von Christopher Hirsch und David Rouhani

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Keine unumstrittene Person: Lea Rosh. Foto: Christopher Hirsch

Ein schwäbisches Dorf Anfang der 1960er-Jahre: Lea Rosh steht vor der Druckerei des „Kocherboten“, der Regionalzeitung in Gaildorf. Sechs Monate lang wird sie hier wohnen, während sie erste Praxiserfahrungen als Journalistin sammelt. Es folgen kurze Nächte: Denn jeden Morgen um drei Uhr wird die Praktikantin von den Druckmaschinen geweckt. Trotzdem bringt sie hier ihre ersten Artikel auf’s Papier. Glanzvoll sind diese Aufträge nicht: Ihre Debüt-Reportage handelt vom Fällen einer Pappel im örtlichen Schlosshof.

Heute kann die 78-Jährige auf eine eindrucksvolle Karriere zurückblicken. Ihre ersten Fernsehauftritte hatte sie beim NDR. Von 1979 bis 1982 moderierte sie im ZDF das Politmagazin „Kennzeichen D“. „Ich war die erste Frau, die in Deutschland eine politische Sendung moderiert hat. Das war vorher undenkbar.“

Rosh wusste sich durchzusetzen. Auch, als der neue Studioleiter beim ZDF ihre Kompetenz in Frage stellte: „Da hab ich gesagt‚ tickst du noch richtig? Ich mache hier seit vier Jahren Sendung.“ Trotzdem kündigte Rosh nach diesem Zwischenfall und nahm ein Angebot von Radio Bremen an. 1991 erreichte ihre Karriere einen vorläufigen Höhepunkt, als sie Intendantin des NDR Funkhauses in Hannover wurde – ebenfalls als erste Frau.

Angefangen hat alles an der FU. Dort studierte Rosh Ende der 1950er-Jahre Publizistik, Geschichte und Soziologie. Viel sei aus dem Studium aber nicht hängen geblieben. „Mitschreiben und auswendig lernen fand ich öde und langweilig“, erzählt sie. Relevant seien für ihre spätere Laufbahn vor allem Praktika gewesen.

Ein Thema aus ihrer Studienzeit sollte Rosh allerdings nicht wieder loslassen: die Aufarbeitung der NS-Zeit. Wobei Aufarbeitung ihrer Meinung nach nicht das richtige Wort sei. „Das kann man gar nicht aufarbeiten, man muss sich immer wieder damit beschäftigen. Wir hatten Dozenten, die das wunderbar gemacht haben“, sagt sie. Gerade ihre Kommilitonen im Fach Geschichte seien politisch interessiert gewesen und hätten sich aktiv mit der jüngeren Vergangenheit auseinandergesetzt.

Das tat Rosh ebenfalls – und tut es bis heute. Ihr prominentestes Projekt steht in Berlin zwischen Brandenburger Tor und Potsdamer Platz: das Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Bereits 1988 gab sie den Anstoß zur Errichtung einer Gedenkstätte. Ihre Entstehung wurde von heftigen Kontroversen begleitet. Kritik erntete Rosh beispielsweise für eine Plakataktion, durch die Gelder für das Denkmal gesammelt werden sollten. Manche der Plakate zeigten missverständliche Botschaften über den Holocaust. Nach 17 Jahren wurde die Gedenkstätte dennoch fertig. Rosh hat sich wieder einmal durchgesetzt.

Dieses Durchsetzungsvermögen hat ihr auch in der Politik Türen geöffnet. Seit 1968 ist sie Mitglied der SPD. Der damalige niedersächsische Ministerpräsident Gerhard Schröder bot ihr mehrmals einen Ministerposten in seinem Landeskabinett an. Doch Rosh lehnte ab. Der Journalismus und ihr gesellschaftliches Engagement hatten Priorität.

Das ist noch heute so. Als stellvertretende Vorsitzende des zuständigen Kuratoriums der Gedenkstätte gibt sie dort Führungen und veranstaltet selbst Diskussionsabende. „Ich arbeite acht Tage die Woche“, sagt sie und lächelt. Ob sie jemals daran gedacht habe, sich zur Ruhe zu setzen? „Was soll ich denn dann machen? Soll ich etwa in den Himmel gucken?“

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