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Im akademischen Asyl

Friedliche Forschung ist nicht überall möglich: Weil sie für Frauenrechte kämpfte, musste Fatemeh Masjedi aus dem Iran fliehen. Jetzt promoviert sie mit „Scholars at Risk“ in Berlin. Von Anke Schlieker

Wegen einer Kampagne war Fatemeh Masjedi im Iran sechs Monate inhaftiert. Foto: Friederike Werner

Wegen einer Kampagne war Fatemeh Masjedi im Iran sechs Monate inhaftiert. Foto: Friederike Werner

Eine Million Unterschriften wollen sie sammeln, für iranische Frauen und gegen die Gesetze, die diese unterdrücken. Aktivistin Fatemeh Masjedi ist sich sicher: Was sie und ihre Mitstreiterinnen tun, ist legal. Dennoch wird sie 2010 wegen „Propaganda gegen den Staat“ zu sechs Monaten Haft verurteilt. Das ist der Beginn einer Entwicklung, die die Forscherin aus dem Iran bis an die FU führen wird.

Mädchen dürfen mit 13 Jahren heiraten, Jungen erst ab 15. Vor Gericht zählt die Zeugenaussage einer Frau nur halb so viel wie die eines Mannes. Diese und sieben weitere diskriminierende Gesetze wollte die „One-Million-Signature-Campaign“ durch eine Petition an das iranische Parlament verändern.

Im Iran arbeiten und forschen kann die Historikerin Masjedi nach der Kampagne nicht mehr. Ein Stipendium des internationalen Netzwerks „Scholars at Risk“ (SAR), dem auch die FU angehört, ermöglicht es ihr, trotzdem zu promovieren. Ziel der Organisation ist es, akademische Freiheit zu stärken und bedrohte Forscher zu unterstützen. Von Bekannten wird Masjedi für das Programm an der FU vorgeschlagen und erhält eine Zusage. Als sie aus dem Gefängnis entlassen wird, reist sie sofort nach Berlin und tritt 2011 eine Doktorandenstelle am Zentrum Moderner Orient an.

Sie beginnt bereits im Gefängnis, an ihrer Promotion zu arbeiten. Doch der Leiter der Frauenabteilung kommt immer wieder in ihr Zimmer und liest, was sie in Quellentexten unterstrichen hat. Dass Masjedis Arbeit so genau überwacht wird, liegt vor allem am Thema ihrer Forschung: Soziale und politische Gewalt in der iranischen Stadt Tabriz zwischen 1905 und 1920. Allein der Begriff der politischen Gewalt sei im Iran provokant, gerade in Zeiten der Grünen Bewegung: 2009 protestierten bei dieser junge Aktivisten gegen die Wiederwahl des Präsidenten Ahmadinedschad. Masjedis Forschung zeigt die historischen Muster solcher Proteste: „Politische Bewegungen im Iran gehen auf den Anfang des 20. Jahrhunderts zurück.“

An der FU angekommen, ist Masjedi eine von fünf Akademikern, im Programm des SAR-Netzwerkes. Sie alle hatten in ihrem Heimatland keine Berufsperspektiven mehr. „Die Freie Universität unterstützt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die aufgrund ihrer Forschungen und Ideen verfolgt, bedroht und in ihrer Arbeit eingeschränkt werden“, sagt FU-Präsidiumssprecher Goran Krstin.

Kriege und Bürgerkriege im Nahen Osten haben die Zahl der Akademiker, die Unterstützung suchen, stark beeinflusst. So zählte die SAR-Zentrale in New York von ihrer Gründung im Jahr 2000 bis zum Beginn des Arabischen Frühlings nur 12 Anfragen aus Syrien – seit März 2011 zählen sie bereits 150.

Für den Iran hatten sich viele eine Verbesserung der Lage erhofft. Der 2013 zum neuen Präsidenten gewählte Hassan Rohani sollte eine Liberalisierung des Landes herbeiführen. Doch Masjedi erklärt, innenpolitisch seien die Politiker so repressiv, wie sie außenpolitisch liberal wirkten. „Die Probleme der Frauen wurden über der dominierenden Außenpolitik vergessen“, bemängelt sie.

Bereits während der Grünen Bewegung habe sich die Frauenrechtsbewegung durch staatlichen Druck und starke Überwachung verlaufen. Viele Aktivistinnen hätten den Iran verlassen oder seien im Gefängnis, so Masjedi. Doch sie glaubt, der hohe Bildungsgrad der iranischen Frauen könne einen gesellschaftlichen Wandel bewirken: „Frauen, die zur Universität gehen, gehen nicht zurück in die Küche.“

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