Bei Kapitalisten-Barbie | FURIOS Online
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Bei Kapitalisten-Barbie

Wer denkt, nach dem Praktikum wäre die Arbeit erledigt, irrt ungemein. Denn der Career Service lauert schon darauf, uns produktives Zeitmanagement beizubringen. Zehn. Stunden.lang. Von Hanna Sellheim
Ich starre auf mein Blatt. In die Mitte soll ich mich selbst malen. Punkt, Punkt, Komma, Strich – mit eddingdicken Linien entsteht ein reichlich abstrahiertes Porträt meiner selbst. Die Dozentin meines Praktikumskolloquiums beugt sich über meine Schulter. Ich nehme ihre Hillary-Clinton-hafte Föhnfrisur aus dem Augenwinkel wahr. »Und jetzt noch die Energiepfeile!«. Widerwillig ziehe ich einen kleinen Strich von dem Symbol, das für Hobbies steht – ein Buch und ein kleiner Turnschuh, den der Edding zu einem seltsamen Klumpen hat verschwimmen lassen – auf meinen Körper zu. Ich soll dadurch lernen, wie der Stress in meinem Leben entsteht. Danach erklärt uns Kapitalisten-Barbie, wie wir unsere Zeit möglichst gut einteilen, um bloß keine unproduktive Sekunde an so etwas wie Spaß zu verschwenden.
Ich male mir inzwischen all die schönen Dinge aus, die ich mit meiner Zeit anfangen könnte, müsste ich nicht dieses Kolloquium besuchen: Endlich mal Cake Pops backen, einen kleinen Badezimmervorleger weben, »Faust II« lesen, um für den Zweifelsfall gute Zitate zur Hand zu haben. Während dann in einer Art Selbsthilfe-Teil der Veranstaltung alle Teilnehmer sich mit Schicksalsgeschichten aus ihrem stressigen Leben überbieten, kommt mir mein Leben zunehmend so anstrengend vor wie die Aufgabe, einen Tag lang mit 25 Babykaninchen zu kuscheln. Und dabei hatte ich mich immer für einen vielbeschäftigten Menschen gehalten. Doch meine Glückseligkeit währt nur kurz: Zu Hause finde ich auf meinem Laptop eine E-Mail des Career Service vor. Ich solle bitte meinen Praktikumsbericht umschreiben. Er umfasst nämlich nur 1800 statt 2000 Wörter. Doch ich habe hinzugelernt und bin gewappnet: Ich füge einen Punkt zu meiner To-Do-Liste hinzu – und plane 40 Prozent Pufferzeit ein

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