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Criminal Mind

Nirgends wiegen wir uns so sehr in Sicherheit, wie in der Bibliothek. Unbekümmert lassen wir unsere Wertsachen am Arbeitsplatz liegen. Aber wie einfach ist es wirklich, den Laptop des Nachbarn mitgehen zu lassen? Wir haben den Selbstversuch gewagt. Von Lucian Bumeder

 

So leicht ist es, einen Laptop schnell einmal mitgehen zu lassen. Illustration: David Stach

Bedächtige Stille, geistige Höhenflüge, tiefste Konzentration: In der philologischen Bibliothek sind die Bedingungen für die hohe Kunst des Lernens perfekt. Leider sind diese nahezu deckungsgleich mit denen für die effektive Ausübung einer anderen ungleich düstereren Kunst: der des Stehlens. Kaum jemand ist weniger wachsam als erschöpfte Studierende. Und nahezu jeder von ihnen hat einen Laptop, den er – sich in Sicherheit wiegend – zurücklässt, um den dringend benötigten Gang auf die Toilette oder ins nächste Café zu unternehmen.

Doch laut der Leitung der philologischen Bibliothek passieren Privatdiebstähle in den letzten Jahren kaum noch. Das Lob dafür gelte den Studierenden: Persönliche Vorsicht, Ehrlichkeit gegenüber anderen und soziale Kontrolle ergänzen sich anscheinend gut genug, um potenziellen Dieben Einhalt zu gebieten.

Aber ist das nicht ein bisschen weltfremd? Was passiert wirklich, wenn am Platz nebenan der Laptop in der Tasche eines Fremden verschwindet? Wäre wirklich ein wachsamer Kommilitone zur Stelle? Die einfache und ernüchternde Antwort lautet: Nein.

Woher ich das weiß? Weil ich es ausprobiert habe, in der Bib. Meine Kommilitonin ließ ihren Laptop an ihrem Arbeitsplatz zurück. So konnte ich mich unauffällig neben ihren Platz setzen und nach ein paar Minuten samt ihrem Laptop wieder verschwinden. Unbehelligt, unbemerkt und erfolgreich. “Das ärgert mich jetzt aber sehr! Normalerweise passe ich immer auf”, versicherte zwar beim ersten Versuch eine Nachbarin, die kaum 30 Zentimeter neben dem Tatort saß. Aber sie habe schlicht nicht bemerkt, dass sich jemand Fremdes an den Platz gesetzt hatte. Das erscheint unverständlich, aber mit dieser Erfahrung war sie keineswegs allein. Zu hoch ist die Konzentration, zu eng der Tunnelblick der vertieften Studierenden. So eng, dass weder sie noch andere Zeugen der Besitzerin des Laptops bei ihrer Rückkehr den Täter beschreiben konnten.

Selbst die Bitte „Kannst du mal kurz aufpassen?“ half nur bedingt weiter. Immerhin konnten die Nachbarn nun den Täter beschreiben. Misstrauisch musterten sie jeden, der in die Nähe kam. Schließlich hatten sie Verantwortung übernommen. Aber nach ein paar Minuten vertieften sie sich wieder in ihrer Lektüre und schon stand mir als Bösewicht nichts mehr im Weg. Einfach zu spät habe sie bemerkt, dass samt dem neuen Nachbarn auch der Laptop verschwunden war, erklärt die Studentin nach meinem Diebstahl und bleibt mit einem aufgeregten „Oh mein Gott! Ich fühle mich schrecklich!“ auf den Lippen zurück.

Aber ist die einzige Lösung jetzt in Panik zu verfallen? Ist Vertrauen ein veraltetes Konzept? Zum Glück nicht. Trotz all den Erfolgen, die ich in meiner Diebeskarriere hatte – die Niederlagen waren lehrreicher. Schließlich weiß ich jetzt genau, worauf ich achten muss, um sorgenfrei auf Büchersuche zu gehen. Denn Studierende sind hilfsbereit. Und ich würde ihnen meinen Laptop für eine kurze Dauer anvertrauen. Allerdings am besten so, dass es mehr als nur ein einziger bemerkt. Schließlich waren genau das die Situationen, bei denen ich dann doch scheiterte.

Vollkommen frei von weltlichen Sorgen sind Studierende selbst in ihrer Bibliothek nicht. Aber wenn sie ein bisschen zusammenhalten, bildet sie eine zuverlässige Schutzblase. Und das ist doch etwas Schönes. Auch wenn sie undicht ist.

Ein Kommentar

  • Die Frage, ob die Einschätzung der Bibliotheksleitung nicht etwas naiv ist, finde ich sehr amüsant – wenn keine zwei Sätze weiter beschrieben wird, wie naiv offenbar die Studierenden sind. Oder zumindest sein sollen. Angeblich. Wer lässt denn bitte einfach seinen Laptop irgendwo liegen? Macht man das jetzt auch mit seinem Fahrrad am Supermarkt so? So ein Laptopschloss kostet bei Amazon etwa zehn Euro und wirkt da wahre Wunder. Gerade wo es auf den Tischen der Philologischen (Ja, großes P – Eigenname) Bibliothek extra entsprechende Ösen für solche Schlösser gibt.

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