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Die reformierte Reform

Schon seit Jahren steht das Bolognasystem in der Kritik. Studierende leiden unter Notendruck und vollen Stundenpläne. Nun soll eine Reform den Leistungsdruck senken und den Studierenden mehr Freiraum geben. Von Corinna Schlun

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Illustration: Tatjana Kulow

 

Einfaches Studieren im Ausland, bessere Anerkennung des Abschlusses bei internationalen Unternehmen und ein früher Eintritt ins Berufsleben. Das klang bei der Umstellung auf das Bolognasystem im Jahr 1999 gar nicht schlecht. Doch 17 Jahre nach seiner Einführung wird die Unzufriedenheit mit dem Bachelorsystem immer größer: Gerade der vom ersten Semester an beginnende Leistungsdruck, das inhaltlich überfüllte Studium und die dennoch geringen Chancen auf dem Arbeitsmarkt mit einem Bachelorabschluss stehen in der Kritik. Diese Kritik blieb nicht unbemerkt. Im Sommer 2016 stellte die Konferenz der Kultusminister und Hochschulrektoren ihre Vorschläge für eine Bolognareform vor. Im Zentrum stehen zwei Forderungen: Weniger Notendruck und mehr inhaltliche Freiheit.

Gerade in den ersten Semestern ist es für Studierende nicht einfach sich im Unisystem und der neuen Lebenssituation zurechtzufinden. Wenn dazu auch noch der Notendruck kommt, kann das zu schweren Belastungen oder gar zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen. Eine direkten Zusammenhang von psychischen Krankheiten und dem Bolognasystem möchte Hans-Werner Rückert, Leiter der Zentraleinrichtung Studienberatung und Psychologische Beratung, jedoch nicht sehen. »Es gibt viele Belege dafür, dass junge Menschen bereits mit Vorerkrankungen an die Uni kommen. Belegt werden kann aber eine hohe Stressbelastung«, erklärt er.

Um dieser entgegenzuwirken soll es Universitäten künftig offen stehen, in den ersten zwei Semestern nur noch auf ein einfaches »Bestanden« oder »Nicht Bestanden« zu prüfen. Erst in den späteren Semestern würde dann ein Notensystem einsetzen, das die Abschlussnote beeinflusst. Zusätzlich soll Vergleichbarkeit geschaffen und der Übergang zum Master transparenter gestaltet werden, indem neben der Abschlussnote auch das Verhältnis zu den restlichen Absolventen der Universität dargestellt wird.

Aber nicht nur die Last der Noten wird bekämpft, die Studierenden sollen auch mehr inhaltlichen Freiraum erhalten. Viele Studierende kritisieren, dass die Universitäten den Inhalt der alten Diplomstudiengänge ohne große Anpassung in einen deutlich kürzeren Bachelor gequetscht hätten. Nun sollen die Hochschulen den inhaltlichen Verlauf des Studiums individueller gestalten und so eigene Schwerpunkte in der Lehre setzen können. Die inhaltliche Übersättigung soll so gemildert, die Diversität bundesweit erhalten werden. Deutliche Kritik übt die Konferenz von Kultusministern und Hochschulrektoren allerdings an dem Trend, hochspezifische Bachelorstudiengänge anzubieten, an die nur ein Master an derselben Hochschule anschließen kann.

Viele Professoren kritisieren, dass nur Masterabsolventen als voll ausgebildete Akademiker anzusehen seien. Auch seien immer mehr Studierende nach einem Bachelor erst 21 Jahre alt und den Unternehmen damit viel zu jung und unerfahren. Daher soll durch die neue Reform der Bachelorabschluss aufgewertet werden. Zum Beispiel soll der Zugang zum höheren öffentlichen Dienst bereits mit einem Bachelor möglich sein.

Wie schnell die Vereinbarung umgesetzt wird, bleibt abzuwarten. Für das kommende Sommersemester sind Veränderungen noch nicht absehbar. Somit heißt es auch für die neuen Erstsemester: volle Lehrpläne und Leistungsdruck vom ersten Tag an.

 

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