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„Flucht ist immer männlich“

Das Margherita-von-Brentano-Zentrum lädt dieses Semester erstmals zu Gender Lunch Talks ein. In der zweiten Mittagspause dieser Art wurde die Situation geflüchteter Frauen in Berlin diskutiert. Nikola Tietze war dabei.

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Frauen werden in der Geflüchtetenhilfe häufig vernachlässigt. Symbolbild: pixabay.

Ein Stuhlhalbkreis um eine Leinwand und Tupperdosen auf dem Schoß – bei den Gender Lunch Talks des Margherita-Brentano-Zentrums werden neue Projekte und Ergebnisse der Geschlechterforschung in entspanntem Rahmen besprochen. Das Konzept ist simpel: Ein oder mehrere Forscher*innen stellen ihr Thema vor, die Zuhörenden bringen ihr Mittagessen selbst mit und können anschließend diskutieren.

Genderforschung unter schwierigen Bedingungen

In der zweiten Mittagspause dieser Art stellten die beiden Gäste Kristina Dohrn und Hansjörg Dilger, vom Institut für Sozial- und Kulturanthropologie, ihr Forschungsprojekt zur Situation geflüchteter Frauen vor. In enger Zusammenarbeit zwischen Studierenden und Lehrenden wurden 80 Frauen aus Syrien, dem Irak, Afghanistan, Eritrea, Albanien und anderen Ländern zu ihrem Alltag in Berliner Not- und Sammelunterkünften befragt. Als „Chaos “ beschreibt Kristina Dohrn die Anfangssituation: Sprachbarrieren und Forschungsorte verteilt über die ganze Stadt erschwerten die Kommunikation und Organisation der Befragungen.

Die Forscher*innen bedienten sich der Methode der sogenannten „Engaged Anthropology“, die sich durch den Anspruch auszeichnet, zu einer Verbesserung der Lebensqualität der Informant*innen beizutragen. Die Forschung wird also von den Frauen selbst mit konstruiert. Das bedeutet, dass sie aktiv als Mitforschende einbezogen werden und versuchen, ihre eigenen Fragestellungen zu beantworten.

Laut Dohrn und Dilger wünschen sich die Frauen insbesondere mehr Privatsphäre und eine bessere Kommunikation bestehender Hilfsangebote. Besonders groß aber sei der Wunsch nach mehr Selbstbestimmung. Die Erforschung des Alltags der Frauen sei „fast ironisch“ gewesen, so die beteiligten Studentinnen, da dieser kaum selbst gestaltet werden kann und größtenteils durch die Unterkünfte strukturiert wird.

Geflüchtet Frauen sichtbar machen

Die Bedürfnisse der geflüchteten Frauen würden zudem häufig vernachlässigt. „Flucht ist in der öffentlichen Debatte immer männlich“, erklärt Dilger. Ein erstes Ziel der Forschung sei somit, die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, „dass Frauen überhaupt in Notunterkünften sind.“ Er sieht die Universitäten in der Verantwortung, Modelle für ein zukünftiges Zusammenleben in einer diversen Gesellschaft zu entwickeln. Dies geschehe am besten, wie in diesem Projekt, in Kollaboration von Forscher*innen und Beforschten.

Die meisten der Studierenden, die das Forschungsprojekt im Rahmen eines Seminars initiierten, sind auch heute noch in Notunterkünften aktiv. Es sei jedoch schwierig Nachfolgeforschung zu betreiben und Kontakt mit den Geflüchteten zu halten, da diese häufig nach Belieben umverlegt oder auch abgewiesen werden. Einige Initiativen im Bereich der Geflüchtetenhilfe hätten trotzdem bereits von den Forschungsergebnissen profitieren können – das Land Berlin schenke Frauen in Not- und Sammelunterkünften jedoch weiterhin zu wenig Aufmerksamkeit, bedauern die Forscher*innen.

Der nächste Gender Lunch Talk findet am Donnerstag, 29. Juni um 12.30 in der Rost- und Silberlaube statt. Weitere Infos hier.

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