Paukenschlag in Antisemitismus-Debatte | FURIOS Online
FURIOS wünscht Euch schöne Semesterferien! Aktuelles rund um die FU gibt es hier wieder ab dem 13. Oktober.
Bis dahin viel Spaß mit unseren wöchentlichen Ferienserien FURIOS auf Reisen und Berlins Bibliotheken im Test!

Paukenschlag in Antisemitismus-Debatte

Einer FU-Dozentin wird Antisemitismus vorgeworfen. Jetzt entlasten zwei Gutachten die Beschuldigte – doch die Debatte ist dadurch nur schärfer geworden. Felix Lorber berichtet.

Roldán Mendívil (2.v.r.) bei der Podiumsdiskussion am OSI. (Foto: Felix Lorber)

Eleonora Roldán Mendívil (2.v.r.) bei einer Podiumsdiskussion am OSI. (Foto: Felix Lorber)

Fast ein halbes Jahr, nachdem am Otto-Suhr-Institut (OSI) der FU eine Dozentin des Antisemitismus beschuldigt wurde, ist das Ergebnis zweier Gutachten zu den Vorwürfen bekanntgeworden. Die Analysen des ehemaligen Leiters des Zentrums für Antisemitismusforschung (ZfA) der TU Berlin, Wolfgang Benz, kommen zu dem Schluss, dass sich Eleonora Roldán Mendívil auf ihrem privaten Blog nicht antisemitisch geäußert hatte. Dies verriet der emeritierte OSI-Professor Hajo Funke bei einer Podiumsdiskussion über Antisemitismus am vergangenen Montag.

Gutachten werden nicht veröffentlicht

Die OSI-Leitung in Person des Professors Bernd Ladwig hatte Wolfgang Benz mit der Prüfung der Vorwürfe beauftragt. Nach FURIOS-Informationen analysierte der Antisemitismusexperte in je einem Gutachten die Lehrtätigkeit Roldán Mendívils und die Äußerungen auf ihrem privaten Blog. Veröffentlicht werden die Gutachten nicht, da sie personenbezogene Daten enthalten, argumentiert das Rechtsamt der FU. Roldán Mendívil schrieb auf Anfrage von FURIOS lediglich, die Gutachten seien nun „Grundlage der weiteren Verständigung mit dem Institut“.

Dass die Tendenz der Gutachten überhaupt bekannt wurde, war daher eher dem Zufall geschuldet. Roldán Mendívil war am Montag Teil einer Diskussionsrunde über Antisemitismus und kontroverse Wissensproduktion. OSI-Professorin Cilja Harders fungierte als Moderatorin, Podiumsgast war neben Hajo Funke auch der israelische Historiker Gadi Algazi.

Funke lässt die Bombe platzen

Bernd Ladwig, der bei der Veranstaltung im Publikum saß, forderte Roldán Mendívil mehrfach vergeblich auf, ihre umstrittenen Äußerungen über den Staat Israel zu wiederholen, oder sie zurückzunehmen. In einer Stellungnahme im Namen des OSI hatte er bereits im Januar deutliche Kritik geübt. Doch Ladwigs Verhalten während der Diskussion missfiel Hajo Funke derart, dass er schließlich das Ergebnis der Gutachten aussprach, um Roldán Mendívil in Schutz zu nehmen. Funke riet zudem dazu, die Gutachten zu veröffentlichen. Das Publikum war von Funkes Vorstoß sichtlich überrascht, die Diskussion verschärfte sich in der Folge.

Auch von Gadi Algazi bekam Roldán Mendívil Unterstützung. Der Professor von der Universität Tel Aviv warnte vor einer „Denunziation verschiedener Formen der Israelkritik als Antisemitismus“ und dem „Mundtotmachen innerisraelischer Kritik“ an der eigenen Regierung. Deutschland habe eine Verantwortung gegenüber den Juden, aber genauso auch gegenüber den Palästinensern.

Dozentin kann „theoretisch Lehraufträge erhalten“

Roldán Mendívil selbst verteidigte ihre grundsätzliche Position. Antisemitismus definierte sie als Form des Rassismus, der in letzter Konsequenz im Kapitalismus begründet liege. Zudem äußerte sie den Wunsch nach einer Rückkehr in die Lehrtätigkeit am OSI. Bernd Ladwig hatte im Vorfeld der Veranstaltung gegenüber FURIOS bestätigt, dass Roldán Mendívil „theoretisch Lehraufträge erhalten“ könne, „wenn sie einen Masterabschluss vorzuweisen hat“ – das ist bislang nicht der Fall.

Im Zuge der Debatte um Roldán Mendívil hatte das OSI die formale Voraussetzung eines Masterabschlusses erst eingeführt. In jedem Fall stehe es aber den einzelnen Lehrbereichen frei, ob und welche Lehraufträge sie vergeben, so Ladwig.

10 Kommentare

  • Die Aussage, Antisemitismus sei eine Form von Rassismus, zeigt doch mal wieder, dass ihr jede politikwissenschaftliche Befähigung fehlt, als Lehrbeauftragte zu arbeiten. Wer nicht mal grundlegende Herrschaftsformen dieser Gesellschaft sauber voneinander trennen, also definieren kann, sollte keine Seminare an der Uni anbieten, sondern sie vielleicht selbst nochmal besuchen.
    Da kann ich wieder nur kopfschüttelnd auf die Stellungnahme der OSI-Kolleg*innen verweisen, unter denen mit Carsten Koschmieder auch ein ausgewiesener Experte auf dem Gebiet mitgearbeitet hat.

    • Steffen, ich vermute du bist weiß und nicht jüdisch? Falls so warum denkst du dass du besser als Eleonora Roldán Meníivil weißt, was Rassismus und Antisemitismus bedeuten? Es geht dabei um Lebensrealitäten, nicht um Theorien…

    • Dazu mal zwei Antworten:
      1. Mal abgesehen davon, dass ich nicht weiß, was meine persönlichen Eigenschaften, die mich bestimmten Herrschaftsformen dieser Gesellschaft unterwerfen oder eben nicht, mit der Kritik an Roldán Mendívils schlechter Argumentation zu tun haben soll, finde ich es spannend, dass du offensichtlich bereit bist, bei einer Kritik, die dir nicht in den Kram passt, sofort Mutmaßungen über eben jene Eigenschaften anzustellen. Was das mit einem emanzipatorischen Anspruch zu haben soll, ist mir schleierhaft. Ob ich „besser weiß“, was Antisemitismus bedeutet, hängt eben nicht von diesen Eigenschaften ab, sondern von dem Willen mich mit Theorien zu diesem Phänomen auseinanderzusetzen. Abgesehen davon, hat sich eine Lehrbeauftragte, die zur Intifada, und damit zum gezielten politischen Mord an Jüdinnen und Juden aufruft, längst selbst diskreditiert, da bin ich ausnahmsweise mal ganz bei Bernd Ladwig.
      2. Wir reden hier von einem politikwissenschaftlichen Institut, an dem sie lehren will. Da sollte sie immerhin in der Lage sein, theoretisch korrekt zu argumentieren. Dieser Antiintellektualismus, der sich neuerdings auch an Universitäten breit macht, irritiert mich zutiefst. Es geht eben nicht darum, wie sich jemand irgendwie subjektiv fühlt, sondern um gesellschaftliche Strukturen, die es theoretisch zu erfassen und zu kritisieren gilt.

      Ansonsten empfehle ich dazu „Der ehrbare Antisemitismus“ von Jean Amery.

  • Noch einmal zum Nachlesen, um welchen Aussagen Mendívils es in der Diskussion ging: http://www.mena-watch.com/mena-analysen-beitraege/berlin-antiisraelische-aktivistin-als-politik-dozentin/

    • Steffen, Sie beschweren sich in Ihrem ersten Beitrag, dass Frau Roldán Mendívil nicht in der Lage sei, „grundlegende Herrschaftsformen“ trennen zu können. Ihr Sanktionswunsch folgt auf dem Fuße. Was Sie genau fordern und meinen, wollen Sie uns nicht mitteilen? Warum kann denn Ihrer Meinung nach Antisemitismus keine Form von Rassismus sein?

    • MENA Watch ist eine untaugliche Quelle, weil sie keine israelkritischen Beiträge zulässt.

    • Rassismus konstruiert die Unterlegenheit von als anders definierten Menschengruppen, Antisemitismus hingegen imaginiert eine Allmacht von Jüdinnen und Juden, die im Verborgenen ihre Strippen zögen. Dieser eklatante Unterschied in den Denkfiguren sollte eigentlich ausreichen, um Antisemitismus nicht einfach unter Rassismus zu sublimieren.

      Das nicht unterscheiden zu können, sondern unterschiedslos gleich zu behandeln, halte ich für wissenschaftlich nicht tragbar.

      Es ist übrigens interessant, dass auf den Intifada-Ruf von Roldán Mendívil von Ihnen gar nichts kommt. Was sagen Sie denn zu dem so geäußerten Vernichtungswunsch?

      Mal zu dem Kommentar, der sich eigentlich nicht auf meine Ausführung bezieht: Anstatt den Artikel zu kritisieren, gibt es eine bloße Quellenkritik. Das zeugt ja von wahrem Auseinandersetzungswillen.

    • „Antisemitismus hingegen imaginiert eine Allmacht von Jüdinnen und Juden, die im Verborgenen ihre Strippen zögen.“ Ist das jetzt eine erschöpfende Definition?

  • Der Versuch, durch Haarspalterei einen Unterschied zwischen Antisemitismus und Rassismus herbei zu definieren, ist typisch für den dem Zionismus innewohnenden Exzeptionalismus.
    Die darauf folgende Behauptung, die das Streben der Palästinenser nach der Befreiung vom Joch der Besatzung („Intifada“) zum „Vernichtungswillen“ erklärt wird, ist in ihrer größenwahnsinnigen Hysterie nur folgerichtig.

    Der eigentliche Skandal des Vorgangs sind jedoch der Rassismus und die Schamlosigkeit, mit der sich der Mittelbau und die Führung des OSI zu Gehilfen der Unterdrückung, Entrechtung und Vertreibung der Palästinenser machen – und die akademische Freiheit mit Füssen treten.

    Wenn die Akademiker an diesem Institut einen Funken Liberalität und Selbstachtung hätten, würden sie Ladwig den Stuhl vor die Tür gesetzt haben.

    • Als Mitglied des akademischen Mittelbaus kann ich versichern: Du hättest bei so einem großzügigen finanziellen Angebot auch jede Stellungnahme unterschrieben. Das ist kein Skandal, sondern den prekären Arbeitsverhältnissen geschuldet.

Kommentar verfassen

Lachen ist politisch

Satire ist nicht nur witzig, sondern auch kontrovers. Einen vergleichenden Einblick in die Satire aus deutscher und französischer Sicht bietet nun eine Ringvorlesung an der FU. Von Friederike Vierck  » weiterlesen