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Die Weltkarte hat uns die ganze Zeit belogen

Die altbekannte Weltkarte hat uns ein falsches Weltbild vermittelt – auf ihr sind die Flächen der Länder stark verzerrt dargestellt. Wie sieht die korrekte Weltkarte aus? Von Camares Amonat

Weltkarten

Weltkarten prägen wie wir über die Welt denken. Doch wir wurden belogen. Illustration: Freya Siewert

Was ist größer, Grönland oder Afrika? Schaut man auf Google Maps oder die Weltkarte, die in den meisten Klassenzimmern hängt, erscheinen sie in etwa gleich groß. Mit 2.116.000 Quadratkilometern Fläche ist Grönland wirklich riesig, etwa sechsmal so groß wie Deutschland. Dennoch: Afrika ist in Wahrheit 14 Mal größer als Grönland.

Weltkarten sind für uns von klein an präsent, sie hängen bei uns in der Schule, im Wohnzimmer der Großeltern oder im eigenen Kinderzimmer. Aber die altbekannte Weltkarte erzählt uns nur einen Teil der Wahrheit. Sie zeigt die Mercator-Projektion, die 1569 von dem flämischen Kartograph Gerhard Mercator veröffentlicht wurde. Diese Projektion stellt den Winkel zwischen zwei Linien auf dem Globus korrekt dar, ist also winkeltreu, und deswegen besonders zur Navigation auf See geeignet. Sie hat sich weltweit etabliert. Doch sie verzerrt die eigentlichen Größenverhältnisse der Länder. In letzter Zeit geriet sie dafür immer häufiger in Kritik. Grund dafür war unter anderem eine interaktive Webseite namens thetruesize.com, auf der man die Flächen der einzelnen Länder auf einer Karte übereinanderschieben kann. So zeigt sich die wahre Größe der Länder, die durch die Mercator-Projektion verzerrt dargestellt werden.

Eine Alternative Weltsicht

Als Alternative wurde 1974 die Gall-Peters-Projektion durch den deutschen Historiker Arno Peters veröffentlicht und gewann jüngst wieder an Bekanntheit. Der Historiker sah die Mercator-Projektion als zu eurozentrisch an und hatte das Ziel, die wahren Größenverhältnisse der Länder darzustellen. Das kleine Europa steht auf seiner Karte nicht im Mittelpunkt, sondern das riesige Afrika. Sie wird von Akteur*innen, die sich mit Nord-Süd-Beziehungen beschäftigen, gelobt. Jedoch gibt es auch zur Peters-Projektion kritische Stimmen. Expert*innen der Deutschen Gesellschaft für Kartographie haben herausgefunden, dass die Karte Abweichungen von bis zu 12 Prozent zu den tatsächlichen Flächen aufweist.

Bild Weltkarte 2016

Die Gall-Peters-Projektion. Bild: Bildung trifft Entwicklung gGmbH

Eine weitere von vielen Varianten, den Globus auf Papier zu übertragen ist die Winkel-Tripel-Projektion, die  von der US-amerikanischen National Geographic Society eingesetzt wird. Sie ist ein Kompromiss-Produkt, bei dem alle Werte ein bisschen verschoben sind. An den Rändern ist sie rund und weist starke Verzerrungen in den Polarregionen auf. Obwohl sie damit nützlich für die Veranschaulichung von Ortsangaben ist, bietet auch sie keine realistische Darstellung des Planeten.

Doch welche Weltkarte bildet dann die Realität ab? Gar keine. Arno Netzbandt, Lehrbeauftragter an der FU für Anthropogeographie, macht deutlich: „Es nicht möglich, eine Karte zu erstellen, die gleichzeitig flächen-, längen-, winkel- und lagegetreu ist. Die Erde ist bekanntlich keine Scheibe, sondern in etwa eine Kugel.” Die dreidimensionale Kugeloberfläche der Erde kann nicht in einer exakt wirklichkeitsgetreuen und objektiven Abbildung in die zweidimensionale Ebene einer Karte übertragen werden. Der Mathematiker Leonhard Euler lieferte dazu bereits im Jahr 1777 den mathematischen Beweis. Der Versuch wird damit verglichen, die Schale einer Orange flach auszubreiten und wird daher auch ‘orange peel problem’ genannt. Auf jeder Abbildung ist etwas verzerrt: Bei der Mercator-Projektion sind es die Flächen der Länder, bei Gall-Peters die Formen, bei Winkel-Tripel von allem ein bisschen. Jede Karte ist für manche Zwecke nützlich und für andere unbrauchbar; wirklich objektiv ist keine. Die Deutsche Gesellschaft für Kartographie schlägt daher vor, eine funktionsgerechte Projektion zu wählen, die dann je nach Bedarf realitätsgetreue Flächen, Strecken oder Winkel besitzt.

Die Weltkarte stellt Machtverhältnisse dar

Netzbandt erklärt außerdem, dass die falschen Abbildungen ein Problem bei der Repräsentation auf einer symbolischen Ebene hervorriefen. Der Globale Süden wird in seiner Größe und damit indirekt in seiner Bedeutung reduziert, während die Länder der nördlichen Hemisphäre überdimensional groß dargestellt sind und somit ein eurozentrisches Weltbild unterstützt wird. Aus diesem Grund wechselten staatliche Schulen in Boston im März 2017 als erste in den USA von der Mercator zur Gall-Peters-Projektion. Ein Verantwortlicher der Schulen erklärte, dass 86 Prozent der Schüler*innen People of Color seien, und ihre Herkunftsländer auf den gewöhnlichen Karten klein und unwichtig dargestellt seien.

Ein anderer Weg, etwas gegen die Überhöhung des globalen Nordens zu tun, wäre laut Netzbandt beispielsweise, die Karten so aufzuhängen, dass der Süden oben liegt. Im Universum gibt es schließlich kein oben und unten. Und für Schulen gibt es einen anderen ebenso simplen wie genialen Lösungsansatz: Statt einer Karte an der Wand sollte einfach ein Globus in jedem Klassenzimmer stehen.

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