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Ein längst überfälliger Schritt

Die Deutsche Gesellschaft für Völkerkunde heißt jetzt „Deutsche Gesellschaft für Sozial- und Kulturanthropologie.“ Hintergrund ist unter anderem die problematische Vergangenheit des Völkerkunde-Begriffs. Von Alena Weil

Es ist entschiedene Sache-

Es ist beschlossene Sache –  die „Deutsche Gesellschaft für Völkerkunde“ soll einen neuen Namen bekommen. Foto: Timur Kiselev

Viele Mitglieder werten es als historischen Schritt: Der deutsche Fachverband der Ethnolog*innen gibt sich einen neuen Namen. Aus der ehemaligen „Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde“ wird die „Deutsche Gesellschaft für Sozial- und Kulturanthropologie.“ Beschlossen wurde diese Umbenennung im Rahmen einer Fachtagung Anfang Oktober an der Freien Universität Berlin.

Ein Relikt aus Kolonialismus und Nationalsozialismus?

Der Begriff „Völkerkunde“ habe schon lange in der Kritik gestanden, erklärt Hansjörg Dilger. Er ist Vorsitzender der Gesellschaft und Professor für Sozial- und Kulturanthropologie an der Freien Universität Berlin. Problematisch sei an der Bezeichnung vor allem die Verbindung zur völkerkundlichen Forschung in der Zeit des Kolonialismus und des Nationalsozialismus.

Die Diskussion über den Begriff des Volkes sei sicherlich auch durch den aktuellen politischen Kontext befeuert worden, glaubt Dilger. Darüber hinaus sei die Bezeichnung schlichtweg nicht mehr zeitgemäß. „Es gibt keine Völkerkunde-Institute an Universitäten mehr, es gibt wohl auch kaum mehr einen Ethnologen, der sich als Völkerkundler bezeichnet.“

Auch ein inhaltliches Signal

Für die Umbenennung standen zwei Bezeichnungen zur Auswahl: „Deutsche Gesellschaft für Ethnologie“ oder „Deutsche Gesellschaft für Sozial- und Kulturanthropologie“. Durchgesetzt hat sich letzterer. Der neue Name sei auch ein inhaltliches Signal. Die Bezeichnung Ethnologie suggeriere eben auch, dass sich die Fachrichtung sehr stark mit ethnischen Gruppen beschäftige. „Während Sozial- und Kulturanthropologie bedeutet, dass wir vor allem auf Menschen schauen, auf menschliches Sein in all seinen sozialen und kulturellen Bezügen.“

Ein Forschungsbereich sei etwa die Veränderung des menschlichen Zusammenlebens durch Globalisierungsprozesse. Ganz konkret beschäftigten sich Sozial- und Kulturanthropolog*innen zum Beispiel mit dem Leben von Migrant*innen in Berlin: Wie gestalten sie ihren Alltag? Welche strukturellen Barrieren erfahren sie? Welche Handlungsspielräume eröffnen sich ihnen? „Das sind Geschichten, die wir oft gar nicht sehen im Alltag, die medial auch nicht so transportiert werden. Mit unserer Forschung können wir dazu beitragen, dass diese kleinen Nischen und die Vielfalt des Lebens in unserer Gesellschaft stärker wahrgenommen werden.“, erklärt Dilger.

Dilger verschweigt nicht, dass auch der Begriff der Anthropologie eine problematische Geschichte hat – gerade in Deutschland, gerade in Berlin. Letztendlich gebe es keinen perfekten Namen. Er glaubt aber, dass man aus dem neuen Namen, aus der Verbindung von Sozial- und Kulturanthropologie, „tatsächlich auch etwas Neues gestalten kann.“

Die Diskussion über die Bezeichnung hat eine lange Geschichte. Bereits seit den 1960er Jahren sei über eine Namensänderung diskutiert worden, erzählt Dilger. Das notwendige Quorum, um eine Namensänderung zu beschließen, sei aber nie zustande gekommen.

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