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Furios stellt sich: Unter der Erde

Wie gerne wäre unsere Autorin für diesen Text auf einen Turm geklettert. Oder hätte sich in ein Terrarium mit Spinnen gesetzt. Aber bei FURIOS wird nicht geschummelt. Corinna Segelken musste unter die Erde.

Einmal im Untergrund kann die Angst die Überhand nehmen. Foto: pixabay.com.

Auf Platz eins der Liste der Dinge, die ich mit dem Aufenthalt unter der Erdoberfläche verbinde, steht relativ unangefochten der Tod. Zwangsläufig mein eigener. Unter der Erde bist du ausgeliefert. Allem was dort unten ist und allem was von oben kommt. Du kannst nicht raus. Und du kannst nicht atmen. Früher haben sich Menschen aus Angst lebendig begraben zu werden, nach ihrem augenscheinlichen Ableben noch einmal erstechen lassen. Angeblich soll das nicht mehr möglich sein, aber ich kann es auch heute noch sehr gut nachvollziehen. Hirntod, my ass.

Ab nach unten

Ich glaube jedoch fest daran, dass sich die meisten Ängste (ausgenommen selbstverständlich ausgewachsene Angststörungen) durch knallharte Konfrontation beseitigen lassen. Da meine alltägliche Schocktherapie in der U-Bahn bisher keine Wirkung gezeigt hat, google ich „Unter der Erde Berlin“. Insgeheim hatte ich gehofft, dass niemand in einer Stadt, in der es an der Oberfläche eindeutig genug zu sehen gibt, auf die Idee kommt, nach mehr zu Buddeln. Wie naiv von mir.

Der Verein Berliner Unterwelten bietet Führungen durch ehemalige Bunker, unvollendete U-Bahntunnel oder die Kanalisation an. Ich entscheide mich für die wohl harmloseste Führung. Es geht durch zwei ehemalige Luftschutzanlagen auf Höhe, beziehungsweise Tiefe, der U-Bahnhöfe Gesundbrunnen und Pankstraße. Die Angstzentrale meines Gehirns sagt mir, dass ich dort ja schließlich auch sonst atmen kann. Manchmal kann so ein irrationales Panikzentrum doch ganz schön rational denken.

Was, wenn der Asphalt schmilzt?

„Sie werden regelmäßig ein lautes Rumpeln hören. Unter Ihnen, das ist die U-Bahn. Und hier oben über uns fahren die Autos lang.” Der Unterweltenmann blickt forschend in die Runde der knapp 30 Teilnehmer*innen, als könne er schon vor Beginn der Tour die schwächsten Seelen erkennen. Eben noch stand ich an einer vielbefahrenen Straße im Wedding. Jetzt sitze ich mit einer Gruppe deutscher Tourist*innen im Vorraum einer Zivilschutzanlage aus dem Kalten Krieg. Sie spähen gespannt in den nächsten Gang. Ich schaue besorgt zur Decke.

Der erste Raum scheint harmlos. An den Wänden hängen Pläne des geteilten Berlins. Aber während der Unterweltenmann in Referatsmanier erklärt, weshalb der Kalte Krieg kalt und nicht warm war, bleibt mir genügend Zeit mir Sorgen zu machen. Ist schon mal jemand auf dieser Führung verloren gegangen? Was, wenn der Strom ausfällt und alles dunkel wird? Es ist ziemlich heiß draußen, ist nicht mal irgendwo der Asphalt geschmolzen und dann sind die Autos in die Erde… Die Gruppe setzt sich in Bewegung.

Und dann geht das Licht aus

„Gegen einen Bombeneinschlag hätte dieser Bunker übrigens nichts genützt”, erzählt der Hobbybuddler fröhlich auf dem Weg durch die engen Gänge, „es handelt sich hier um den Basisschutz, also Stufe eins, die ausschließlich Luftschutz bieten sollte.” Ich muss wieder an die Autos denken, die direkt über uns fahren. Jede Erschütterung ein kleiner Bombeneinschlag, jedes Schlagloch ein kleines Stück weniger Abstand. Als ich hochblicke schwebt über mir das Modell einer Atombombe.

Die Überlebensstrategie meines Panikzentrums: Ablenkung. Auf einmal interessiere ich mich brennend für die Sprengkraft von Atombomben und die Notfallrationierung im „Ernstfall”. Nur einmal schrillen plötzlich alle Alarmglocken: Als der Unterweltenmann das Licht ausmacht, um einen Stromausfall zu demonstrieren. Die gesamte Entdeckertruppe zuckt einmal kurz zusammen. „Alles okay”, flüstere ich mir selbst zu und es fühlt sich an, wie eine Kampfansage an meine Angst.

Zurück an der Oberfläche atme ich tief durch. Die Panikattacke ist ausgeblieben. Trotz des Erfolgserlebnis muss ich aber so bald erstmal nicht wieder unter die Erde. Dorthin kommt man schließlich noch schnell genug. Beim täglichen U-Bahnfahren denkt sich meine Angstzentrale wahrscheinlich nur noch „ach, da haben wir schon ganz andere Sachen durchgestanden, nicht wahr?” und klopft der Panik anerkennend auf die Schulter.

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