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FURIOS stellt sich: Die moralische Verrenkung

Jeder hat sie: halb vergessene, halb verdrängte Schulden, die nie beglichen wurden. Anselm Denfeld musste sich wohl oder übel seiner Gläubigerin stellen.

Pure Entspannung – auch mit schlechtem Gewissen? Foto: pixabay.com

Dicke Schweißperlen laufen mir von der Brust ins Gesicht, meine von dicken Seilen umschlungenen Beine lassen sich keinen Zentimeter bewegen. Ich bete zu allen Hindu-Gottheiten, damit die Peinigerin von mir ablässt und sich auf eine der anderen Gestalten im Raum stürzt. Doch sie scheint etwas in mir wiedererkannt zu haben, das ihr schon einmal begegnet sein muss. Mir geht auf, dass ich einen Fehler gemacht habe. Ich bin in der Höhle des Löwen und der Löwe will sein Geld zurück.

Begonnen hatte die Verwicklung schon ein Jahr zuvor: „Das zahle ich dann einfach beim nächsten Mal“, ist eigentlich kein Satz, von dem Menschen mit einem unregelmäßigen Lebensrhythmus Gebrauch machen sollten. Das hätte ich aus diversen Malheuren gelernt haben können und doch warf ich ihn meiner nichtsahnenden Yogalehrerin nach einer Kursstunde an die Stirn. Die horrende Kursgebühr von zwölf Euro werde Anita garantiert bald kriegen.

Lieber unter den Tisch fallen lassen

Dass in der darauffolgenden Woche meine Dienstage anderweitig ausgelastet sein sollten, ahnte ich nicht. Dass es vorerst die letzte Begegnung mit Anita sein sollte auch nicht, obwohl es mich nicht stören sollte: die Stunden bei der verschrobenen Gymnastiktante hatten sich ohnehin mehr gedehnt als meine steifen Gelenke. Manchmal dachte ich noch daran, ihr das Geld vorbeizubringen. Ich schob es aber immer weiter auf. Schlussendlich suchte ich mir eine andere Lehrerin und vergaß die Sache.

Ein gutes Jahr später ging ich wie gewohnt zu meiner neuen und pädagogisch kompetenteren Trainerin. In der Umkleide erfuhr ich, dass eine Vertretung die heutige Stunde übernehmen werde. „Doch nicht etwa meine unfreiwillige Gläubigerin?“, hätte ich mich fragen sollen.

Doch mein Fehler wurde mir erst bewusst, als ich die kauzige Yogimeisterin höchstpersönlich auf der Matte erblickte. Meine spontane Idee zur Bewältigung der Situation: einfach meine offensichtliche Identität abstreiten und mir eine andere zulegen. Also probierte ich es zur Begrüßung mit meinem Zweitnamen. Dessen Klang ließ sie einen Moment skeptisch verweilen, was jeglichen Smalltalk meinerseits in einem unbeholfenen Stotteranfall erstickte.

Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast

Während der folgenden Stunde mischt sich zunehmend Angstschweiß mit den Perlen meiner Anstrengung. Bei jeder Position hat sie etwas an mir auszusetzen und korrigiert mich stets unter Verwendung meines Zweitnamens. Sollte ich hier und jetzt mit dem Tod durch Überanstrengung bestraft werden? Während einer längeren Übung sieht sie mich an und notierte dann hastig etwas auf einem Zettel aus der Kasse. Es kann doch nur ihre Schwarze Liste für Yogalehrlinge sein. Das ist zu viel.

Als sie mit einem gemurmelten „Namasté“ die Stunde beendet, muss ich ihr zuvorkommen. Schleunigst stelle ich mich dem garantiert anstehenden Hagel aus Vorwürfen und Beschimpfungen. „Sagen sie mal, ich glaube, ich habe möglicherweise mal vor einem Jahr vergessen, eine Stunde zu bezahlen, kann das sein?“, stammle ich ohne meinen Namensschwindel zu erwähnen. Beiläufig blickt sie auf und erwidert knapp, dass das ja schon ewig her sein müsse und jetzt doch auch egal sei.

Neuerdings gehe ich auch Dienstags wieder zum Yoga.

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