FURIOS tüftelt: The Korn Tale | FURIOS Online
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FURIOS tüftelt: The Korn Tale

Der Korn, ein Getränk über das niemand spricht. Victor Osterloh ließ sich nicht abwimmeln und ging der Sache auf den klaren Grund.

Unser Autor fand Halt, wo auch Hemingway ihn fand – tief im Glas. Foto: Victor Osterloh

Als ich das erste Mal von Korn hörte, erzählten mir Bekannte, weitgereister als ich, von „den Rostockern“, die das scharfe Destillat mit Instanteistee vermischten, um es genießbar zu machen. Viele Jahre sind seitdem ins Land gegangen. Ich dachte nicht mehr an das nordische Getränk – bis zu jenem Festivaltag. Eine windschiefe, aus Sperrholz und Brettern genagelte Bude bot uns vor Ort mit rot gemalten Lettern ihre Ware feil. Das Wort Korn fraß sich in mein Bewusstsein, als wäre sein ontologischer Gehalt reiner, beißender Alkohol.

“Ein Mantel des Schweigens lag über dem Korn.”

Ich verließ den Norden. Doch wieder Zuhause ließen mich sein klarer Tropfen, der leichte Geruch von Heu, sein wärmendes Feuer nicht mehr los. Ich begann zu forschen, Stunden um Stunden durchwälzte ich Archive, versuchte Zeugen zu finden; vergeblich. Sprach ich mit Eingeweihten, winkten sie meist ab. Es schüttelte sie bei dem Gedanken an die Vergangenheit. Sie konnten oder wollten nicht reden über das, was sie erlebt hatten. Ein Mantel des Schweigens lag über dem Korn. Ich beschloss, ihn abzustreifen.

Doch es war nicht einfach. Nicht wenig hätte gefehlt und ich hätte aufgegeben, mehr als einmal wollte ich umkehren. Ich erfuhr, dass der Korn seit Menschengedenken der Gegenstand von Verrat, Missgunst und Kampf ist. Die Brauer, Künstler des Hopfens und der Gerste, und doch Konkurrenten im Buhlen um die durstigen Kehlen tausender Hanseaten, ließen einst den Korn verbieten. Und so war es kein Zufall, dass ich, als ich einen kleinen, ausgewählten Kreis um mich sammelte, ihnen als erstes einen altbekannten Freund anbot. Bier und Korn, ein Herrengedeck. Ich wollte alte Gräben schließen; Frieden schließen.


Diesel war gestern. Korn und Bier werden zu Kiesel, auch bekannt als Molle und Korn oder Herrengedeck. Foto: Victor Osterloh

Als Bacchus siegte

Wir waren fünf, saßen uns gegenüber. Der alte Holztisch zwischen uns, gezeichnet von den Jahren, getränkt von allen Säften dieser Erde, war unser einziger Halt, ein Anker der Wahrheit in unserem Rausch. Es begann vorsichtig, fast tastend. Wir mengten Baltisches mit Baltischem, führten zusammen, was vielleicht schon immer zusammengehörte. Schäumende Bohne und süße Sahne mengten sich mit flüssigem Getreide zu einem Getränk höchster Anmut, wir nannten es Korn Russian. Fünf Gläser hoben sich empor, senkten sich geleert.

Schnell verloren wir jede Scheu, mischten den harten doppelten Korn mit den süßen Rhythmen Lateinamerikas. Limetten, Minze, Eis umtanzten sich in wildem Reigen. Alles Ungereimte, der Sand im Getriebe, weggespült von spritzendem Soda, in Pastell übermalt mit Zucker. Unsere Hände umklammerten den Tisch, Halt suchend. Sie fanden ihn, wo auch Hemingway ihn fand. In den Nebelschwaden unseres Zigarettenrauchs. Die Fenster dicht verschlossen vor der Kälte, dem Regen, dem Sturm, verband sich Korn mit dem goldenen Saft der Kolanuss. Der heiße Phosphor rann unsere Kehlen hinab, während gleich nebenan Tonic Water seinen geschmacklichen Zwilling traf.


Korn on the Beach, wie ihn sicher schon viele Seeleute genossen haben. Foto: Victor Osterloh

Alles Falsche ist vom Tisch

Der Kreis rückt enger zusammen, die Stimmen gedämpft. Unsere Köpfe und Sinne, innen wie außen umwölkt, suchen wir nach Nähe, nach Schutz in der Gemeinschaft. Längst sind alle glitzernden Ingredienzien, ist alles Falsche vom Tisch gefegt. Vor uns stehen kleine Gläser, klare Flaschen. Pur ist es geworden. Die Köpfe auf die Hände gestützt, tiefe Falten, große Sorge, schwere Themen, samtener Ernst. Und wir wissen: Wir haben ihn gefunden, den Geist des Korns, werden nie wieder über ihn sprechen. Denn wir haben ihn verstanden.

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