Scheuklappen aus Bücherpapier | FURIOS Online
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Scheuklappen aus Bücherpapier

Im Grimm-Zentrum der Humboldt Universität werden Flyer einer rechten Terrororganisation gefunden. Aufklärung der eigenen Studierenden oder Warnung anderer Bibliotheken? Fehlanzeige! Julia Marie Wittorf hat in der Berliner Bibliothekslandschaft recherchiert.

Abseits der Bücherregale wird rechte Propaganda auch aktiv bekämpft.  Foto: Julia Marie Wittorf 

Rechte Hetze geht um an Berlins Hochschulen; heimlich und leise in Bücherregalen platziert: In den vergangenen Wochen wurden mindestens drei verschiedene Flyer der terroristischen Neonazi-Gruppierung “Atomwaffen Division” am Grimm-Zentrum der Humboldt Universität (HU) gefunden. Forderte der Erste die Bewaffnung der Studierenden, um die „Weiße Rasse“ zu retten, so wird der Zweite erschreckend bildhaft in seinem Auftrag, muslimische Mitbürger umzubringen. Jüngste Ergänzung ist ein erst Dienstag gefundener Flyer mit einem Aufruf „zum Multikultikrieg“ – derselbe Stil, derselbe Absender.

„Hier wird rekrutiert!“

Doch warum ist das Wissen um derlei Aktionen so wenig verbreitet? „Ich hatte bis zu den Geschehnissen immer noch das naive Gefühl, dass eine Uni ein ‚safe space‘ ist“ erläutert die Humboldt-Studentin Marie ihre ersten Gedanken nach dem Fund eines Flyers. Sie gibt mehrere Zettel am Infotresen des Grimm-Zentrums ab und postet ein Foto davon auf Twitter, um „zu zeigen, dass dort Nazis unterwegs sind. Hier wird rekrutiert!“ Unter den Kommentaren findet sich die bisher einzige Reaktion der Universitätsbibliothek: Die öffentliche Verbreitung solcher Propaganda-Funde sehe man dort als „problematisch“ an. Kati Becker, Sprecherin der Berliner Register für die Erfassung rechtsextremer und diskriminierender Vorfälle und Kennerin der rechten Szene, weiß um diese Strategie: „Die Argumentation ist mir nicht unbekannt. Die Frage ist: Würde das öffentliche Bekanntmachen wirklich einen Unterschied machen? Wahrscheinlich nicht.“

Fragt man bei anderen Bibliotheken nach, ist die Rückmeldung immer dieselbe. Weder der Pressestelle der Zentralen Landesbibliothek Berlin (ZLB) noch dem Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA) der Technischen Universität lagen zu den Funden an der HU Informationen vor. Spricht man Leihstellenmitarbeiter*innen der FU-Bibliotheken darauf an, ist die Reaktion ernüchternd: „Ich würde es wohl einfach wegschmeißen“ kommentiert ein Student. Nicht verwunderlich, denn laut Informationen von FURIOS gibt es bis zum Zeitpunkt unserer Recherchen keine internen Anweisungen zum Umgang mit rechter Propaganda. Äußerungen einer Benutzungsleiterin dürfen wir hier nicht zitieren. Kann etwas Anderes erwartet werden, wenn der Austausch der Bibliotheken untereinander kaum stattfindet?

Wenige Bibliotheken bekennen sich zu einem transparenten Umgang

Ähnlich kontrovers wird seit Längerem der Umgang mit rechter Literatur diskutiert. Besonders in öffentlichen Bibliotheken finden sich regelmäßig Titel rechter Verlage wie Antaios oder Kopp. Anna Jacobi, Pressesprecherin der ZLB, argumentiert gegenüber FURIOS, „dass auch Rechte zu uns kommen sollen und sich bei uns Literatur leihen dürfen. Denn wir sind schließlich Bibliotheken, die sachkundig informieren sollen. Vielleicht setzt dadurch ja auch bei den Rechten etwas ein?!“ Entscheidend ist hierbei die besondere öffentliche Positionierung der ZLB. Sie unterzeichnete als eine von nur zwei Bibliotheken der Stadt die Erklärung des Zusammenschlusses „Die Vielen“, wonach sich Kulturinstitutionen gegen rechten Populismus bekennen und Veranstaltungen zum Thema austragen.

Wie aber sollen die Studierenden in Zukunft mit rechter Propaganda umgehen können, wenn der RefRat der HU durch die Hochschulleitung bis heute nicht offiziell informiert wurde? Marie verlangt in dieser Hinsicht einen engeren Austausch unter den Kommiliton*innen: „In diesem Fall war es ein klarer Aufruf zum Bürgerkrieg und letzten Endes sogar zu Mord. Das darf einfach nicht ignoriert werden.“ Und mit Blick auf die öffentliche Kommunikation fordert eine angehende Bibliothekswissenschaftlerin des ZfA: „Die Bibliotheken stehen in der Verantwortung, sich damit offen auseinanderzusetzen.“ Sie empfiehlt die Abgabe solcher Objekte beim apabiz, dem antifaschistischen Pressearchiv. „Es ist im Nachgang für uns alle sehr wichtig, zu verstehen, wer da wie agiert.“

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