Koks, Krieg und Kommunisten | FURIOS Online
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Koks, Krieg und Kommunisten

Björn Brinkmann hat es für ein Auslandsjahr nach Kolumbien verschlagen. In der Hauptstadt Bogotá erlebte er in den Wochen vor der Präsidentschaftswahl die Spaltung der Bevölkerung – und hoffnungsvoll in die Zukunft schauende Kommiliton*innen.

Zwischen Magie und harter Realität: Bogotá. Foto: Björn Brinkmann 

Vor spektakulärer Regenwaldlandschaft rauscht eine LKW-Kolonne über eine Brücke. An ihrer Spitze ein Jeep, die Sitze bezogen mit feinstem Leder. Auf dem Beifahrersitz einer der gefährlichsten, reichsten und berüchtigsten Drogenbarone der Geschichte: Pablo Escobar. Schwer bewaffnete Polizisten erwarten seinen Transport. Doch Pablo bleibt kühl, verspricht ihnen Reichtümer. Hinter seiner Freundlichkeit lässt er durchblicken, was passiert, sollten die Beamten sein Angebot ablehnen. Pablo kennt jeden, Pablo kauft alle.

Vielleicht war es ein Fehler, die Serie Narcos unmittelbar vor meinem Auslandsjahr in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá anzufangen. Die Netflix-Produktion ist für viele Kolumbianer*innen zum Hassobjekt avanciert. Schließlich ballern sich die meiste Zeit zwei US-amerikanische Helden durch den kolumbianischen Großstadtdschungel. Auf die Zuschauenden prasseln die üblichen Klischees ein: tropisch, grün, voller Korruption und Gewalt, Salsa und organisierter Kriminalität. Und vor allem: Kokain. Kolumbien, der Staat gewordene Drogensumpf, in dem aus jedem LKW-Reifen das weiße Pulver rinnt. So weit, so klar. Vielleicht war Narcos aber auch genau das Richtige. Schließlich bietet sich mir die Chance, die Vorurteile gegenüber Kolumbien an der Realität zu messen – und mit einigen von ihnen aufzuräumen.

Die Gegensätze kumulieren sich

Bogotá ist zwar nicht die Schweiz, aber die Wahrscheinlichkeit erschossen zu werden, ist relativ gering. Der bewaffnete Konflikt hat sich schon immer eher auf dem Land abgespielt. Was zwischen Einkaufszentren und Armutsvierteln herrscht, ist eine andere Form von Gewalt. Es ist die Gewalt einer schreienden Ungleichheit. In Bogotá kumulieren sich die sozialen Gegensätze auf engstem Raum: Im Norden der Stadt leben die reichen fünf Prozent der Gesellschaft zwischen Craft Beer Bars und Luxus-Läden. Doch fährt man in einem der überfüllten Metrobusse Richtung Süden, findet man sich in irregulär errichteten Comunas wieder. Diese lebendigen, aber oft extrem heruntergekommenen Armenviertel sind in den letzten fünfzig Jahren enorm angewachsen. Besiedelt werden sie von ehemaliger Landbevölkerung, die vor allem durch ultra-rechte Paramilitärs gewaltsam vertrieben wurde. Stadt und Land,vereint im Jahrzehnte währenden Bürgerkrieg zwischen Staat, Kriminellen, Paramilitärs und verfeindeten Guerillas; zwischen links und rechts, arm und reich.

Bis heute ist dieser Konflikt omnipräsent. Auch auf dem Campus der Universidad Nacional, meiner Universität, findet er sich wieder. Auf den weißen Wänden rufen zahllose Wandgemälde mit politischen Botschaften zum Aktivismus für den Frieden auf. Einige erinnern an die Opfer des sogenannten „Verschwindens”. Niemand weiß, wie viele Menschen während des Bürgerkriegs verschleppt und ermordet wurden – die Zahl bewegt sich wohl im fünfstelligen Bereich. Viele unliebsame Akademiker*innen waren plötzlich einfach nicht mehr auffindbar; ohne Begräbnis, ohne Nachricht, vom Campus getilgt. Auch heute noch werden jährlich dutzende Aktivist*innen ermordet.

Eine Uni für alle

Die Universität von Bogotá ist eine Stadt in der Stadt. Ein Labyrinth aus Fakultätsgebäuden, eingebettet in ein Mosaik aus Baumgruppen und Grünflächen, die sich zu fast jeder Uhrzeit mit kleinen Gruppen von Studierenden füllen. Auf dem zentralen Plaza Ché wird an zahlreichen Streetfood-Ständen lokale Küche angeboten. Andauernd sind irgendwo Instrumente zu hören. Wer den stickigen Bibliotheken für einige Minuten entkommen ist, lauscht den Geschichtenerzähler*innen in der Sonne. Über all das entfesselte Leben wacht, mit ewig ernster Kampfesmiene, das monumentale Abbild eines ikonischen Mannes. Es ist Ché Guevara.

Die größte und wichtigste öffentliche Universität Kolumbiens ist ein Gegenentwurf zur allgegenwärtigen Ungleichheit. Hier studieren Schulabsolvent*innen aus allen ökonomischen Schichten. Das dazugehörige Fördersystem funktioniert – man trifft hier sowohl Menschen, die umgerechnet circa 20 Euro pro Semester zahlen, als auch solche, die mehr als 600 Euro beitragen müssen. Auch wenn sich die Sprösslinge der reichsten Elite des Landes zumeist an die Berghänge mit ihren absurd teuren Privatuniversitäten begeben, entsteht hier an der „Nacho”, wie die öffentliche Uni zumeist genannt wird, ein Abbild der gesellschaftlichen Struktur des Landes – oder zumindest die Illusion von Gleichheit in der Bildung.

Mit knapp 7 Millionen Einwohnern ist die Stadt ein Gigant. Foto: Björn Brinkmann

Hoffnung auf Frieden

In diesen Tagen gesellen sich zu den Geschichtenerzähler*innen auf dem Plaza Ché die Wahlkämpfer*innen des linken Präsidentschaftskandidaten Petro. Die seiner Rivalen sind auf dem Campus deutlich weniger willkommen – wegen ihrer kritischen Haltung zum Friedensprozess und den Verbindungen rechter Parteien mit bewaffneten Milizen. Bei der Wahl treten auch erstmals die kommunistischen FARC-Rebellen als demokratische Partei an. Nach 50 Jahren Krieg mit der Regierung wurde vor zwei Jahren ein Friedensvertrag abgeschlossen. Doch über dem gesamten Wahlkampf liegt der Schatten der Ära von Ex-Präsident Uribe, der mit eiserner Hand zwischen 2002 und 2010 den Krieg gegen die Guerillas führte – vor allem durch Allianzen mit brutalen Paramilitärs und anti-kommunistischen Todesschwadronen.

„200 ermordete soziale Aktivisten seit dem Abkommen!” – ein Graffiti in der Politik-Fakultät erinnert in blutrot auf weiß an das andauernde Erbe der Gewaltexzesse der Uribe-Ära. Denn noch immer werden Aktivist*innen, die sich für die Rechte der ärmeren Schichten einsetzen, von Milizen ermordet. Die Rechten hingegen mahnen,wenn der linke Petro gewinne, werde Kolumbien zu einem zweiten Venezuela. Auf kolumbianisch heißt das „Castro-Chavismo”. „Die Leute sehen die vielen venezolanischen Flüchtlinge auf den Straßen und sagen sich ‚so schlimm soll es hier aber nicht werden’ und wählen rechts”, erklärt mir eine befreundete Kommilitonin, als wir abends im Universitätsgarten im Schein der Lagerfeuer diskutieren. Kaum einer hinterfrage, inwiefern sich die gemäßigten, sozialdemokratischen Forderungen des linken Kandidaten Petro vom Staatssozialismus in Venezuela unterscheiden.

Während die Nacht hereinbricht, schweift mein Blick über den Platz voller junger Menschen, die aus verschiedensten Hintergründen hier versammelt sind. Diese Universität dürfte einige Netflix-Vorurteile erschüttern. Als intellektuelles Zentrum Kolumbiens bündelt und reflektiert sie den Zeitgeist vieler Studierender. Es ist der Zeitgeist einer Generation, die im Begriff ist, ein jahrzehntelanges Blutvergießen hinter sich zu lassen und in die Zukunft zu schauen.

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